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Aktuell Kommentar

Amazon - lieber woanders

Das Ergebnis des Bürgerentscheids pro oder contra Amazon war haarknapp. GEA-Redakteur Andreas Fink ist froh, dass die Auseinandersetzung erst mal vorbei ist, sieht aber eine grundsätzliche offene Frage.

Des einen Freud, des anderen Leid: Hermann Kiefer (links) vom »Bürgerforum« Hengen neben Elmar Rebmann kurz nachdem der Rathaus-
Des einen Freud, des anderen Leid: Hermann Kiefer (links) vom »Bürgerforum« Hengen neben Elmar Rebmann kurz nachdem der Rathaus-Chef das Ergebnis des Bürgerentscheids bekanntgegeben hat. Foto: Benjamin Krohn
Des einen Freud, des anderen Leid: Hermann Kiefer (links) vom »Bürgerforum« Hengen neben Elmar Rebmann kurz nachdem der Rathaus-Chef das Ergebnis des Bürgerentscheids bekanntgegeben hat.
Foto: Benjamin Krohn

BAD URACH. Das war knapp. Knapp, aber eindeutig: Das Thema Amazon ist in Bad Urach vom Tisch. Bei der Auszählung lieferten sich Befürworter und Gegner lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen, zeitweise gab es Stimmgleichheit. Am Ende lagen die Gegner aber knapp vorn. Man kann sich vorstellen, wie die einen jubeln und die anderen frustriert sind. Immerhin: Es bleibt ein Gefühl der Erleichterung, dass das Ganze vorbei ist. Aber auch die Erkenntnis, dass letztlich nicht mal ein Viertel der Bevölkerung (23,6 Prozent) das Ganze gekippt hat.

Dass die Gegner am Anfang mit sehr zweifelhaften Methoden ins Gefecht zogen, hat viel zerschlagenes Porzellan hinterlassen. Nicht nur zwischen Befürwortern und Gegnern war man sich nicht mehr grün, Risse gingen selbst durch Familien. Weil das Thema per se spaltet, zeigte sich die ganze Stadt zerrissen.

Beim 700. Bürgerentscheid in der Geschichte von Baden-Württemberg wurde weniger über das Verteilzentrum in Hengen abgestimmt – es hätte ja auch ein anderer großer Logistiker sein können -, sondern vor allem über einen gigantischen Internet-Händler, den man nicht unbedingt gut finden muss. Das hat sich in den Diskussionen der letzten Wochen immer deutlicher abgezeichnet. Die Gegner argumentierten auch mit der Verkehrsbelastung, mit ökologischen Aspekten und mit der dörflichen Idylle im Herzen des Biosphärengebiets.

Auch wenn sicher sehr viele, die gegen das Verteilzentrum gestimmt haben, schon bei Amazon bestellt haben: Die Mehrheit will nicht, dass die Ware von Hengen aus verteilt wird. Lieber von woanders. Irgendwo näher an der Autobahn, Hauptsache nicht hier. Offenbar hat die Angst vor dem Unbekannten, Neuen gesiegt.

Die Verlierer – und das sind jetzt weniger die Bürger, die Ja angekreuzt haben, sondern vor allem der Bürgermeister und der Gemeinderat, die mehrheitlich für das Verteilzentrum waren und den Weg für den Bürgerentscheid frei gemacht haben – müssen ihren Frust abschütteln und irgendwie nach vorne blicken. Das fällt umso schwerer, wenn sie wissen, dass letztlich nicht mal ein Viertel der Bevölkerung (23,6 Prozent) das Ganze gekippt hat.

Nach vorn blicken wird gar nicht ganz so einfach sein. Denn klar ist, dass das 8,8 Hektar große Industriegebiet »Rübteile II« jetzt erst mal nicht erschlossen wird. Mit dem Verkauf der Grundstücke wäre die Erschließung finanziert gewesen. Doch die Stadt hat kein Geld, um diese Aufgabe für die kleinen Gewerbetreibenden von hier zu schultern, von denen das »Bürgerforum« immer geredet hat.

andreas.fink@gea.de