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Amazon in Hengen: Droh-Brief beschäftigt die Polizei

Im Kampf gegen das in Hengen geplante Verteilzentrum von Amazon hat sich der Ton verschärft. In der zweiten Juniwoche hat das Bürgerforum mit anonymen Flugblättern Stimmung gegen das Projekt gemacht. Jetzt hat eine am Verfahren beteiligte Person ein anonymes Drohschreiben am Auto gefunden. Die Stadt Bad Urach hat die Polizei eingeschaltet.

Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann mit einer Kopie des anonymen Droh-Flugblatts, das am Dienstagabend nach der Gemeinderatss
Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann mit einer Kopie des anonymen Droh-Flugblatts, das am Dienstagabend nach der Gemeinderatssitzung am Auto einer »am Verfahren beteiligten Person« hing. Das Original ist bei der Polizei. Foto: Andreas Fink
Bad Urachs Bürgermeister Elmar Rebmann mit einer Kopie des anonymen Droh-Flugblatts, das am Dienstagabend nach der Gemeinderatssitzung am Auto einer »am Verfahren beteiligten Person« hing. Das Original ist bei der Polizei.
Foto: Andreas Fink

BAD URACH. »Was am Dienstagabend passiert ist, bereitet mir sehr große Sorgen«, sagt Elmar Rebmann. »Ich bin weit über 30 Jahre im öffentlichen Dienst«, so der Uracher Bürgermeister, »aber so was ist mir noch nie passiert.« Er hält ein DIN-A-4-Blatt in den Händen. Darauf steht: »Amazon weißt wo du wohnst ... Wir auch. Gute Heimfahrt!« Diese neun Worte stehen auf dem Papier, das Dienstagnacht nach der Sitzung des Gemeinderats an einem Auto hing. An dem Auto »einer am Verfahren beteiligten Person«, so Rebmann. Also entweder an dem einer Rathaus-Mitarbeiterin oder einem Rathaus-Mitarbeiter oder an dem einer Gemeinderätin oder eines Gemeinderats. Jemand also, der in der Diskussion um das in Hengen geplante Amazon-Verteilzentrum mitredet.

»Mir fehlen die Worte, was da läuft«

»Der Austausch von Meinungen ist wichtig«, betont der Bürgermeister immer wieder, »ich habe schon viele harte Diskussion erlebt, in denen auch richtig gestritten wurde - das gehört bei einer Demokratie dazu.« Rebmann weiter: »Es gibt aber gewisse Regeln des Anstandes und der Menschlichkeit. Die sind hier im höchsten Maße verletzt worden.« Die Gesellschaft sei ganz offensichtlich immer weniger in der Lage, Dinge im Diskurs zu klären. »Mir fehlen die Worte, was da läuft.«

Die Diskussion um das Amazon-Verteilzentrum habe eine ungute Wendung genommen, findet er. »Kontroverse Meinungen: okay. Aber die anonymen Flugblätter in Hengen, Römerstein und Seeburg - vor allem die Nennung der Seeburger Gemeinderätin Uthe Scheckel: Das war schon diskussionswürdig.« Was jetzt mit dem anonymen Drohbrief an dem Auto passiert ist, »verletzt alle Regeln, wie man miteinander umgeht«.

»Amazon weiß wo du wohnst. Wir auch. Gute Heimfahrt!«

»Amazon weiß wo du wohnst. Wir auch. Gute Heimfahrt!«: In den Augen des Bürgermeisters eine ganz perfide Drohung. Hat jemand was mit dem Auto gemacht? Und wer ist »wir«? Sind mehrere Leute hinter einem her? Wartet zuhause einer auf mich? »So ein Zettel macht was mit den Menschen, die in solchen Gremien sitzen oder im Rathaus arbeiten«, sagt Rebmann. Der 62-Jährige weiß, von was er redet: »Dass man anonyme Postkarten und Mails ins Rathaus kriegt, ist nichts Ungewöhnliches«, sagt er, »das gehört irgendwie zur Arbeit.« Wenn solche Schreiben im privaten Briefkasten landen, ändert sich die Lage schlagartig. »Dann ist die Familie drin, dann ist Schluss.« Der Tiefpunkt war vor anderthalb Jahren: An je zwei Rädern seines Autos und dem seiner Frau waren im heimischen Carport Reifen aufgestochen worden.

»Ich verstehe das als eine Drohung«

Von dem jetzt aufgetauchten Droh-Schreiben war der Bürgermeister so schockiert, dass er am Tag danach gleich eine Sondersitzung des Gemeinderats einberufen hat. »Das Gremium war ebenfalls zutiefst schockiert«, sagt Rebmann. Man müsse sich in solchen Zeiten nicht wundern, wenn sich immer weniger Menschen für so ein Ehrenamt oder ein Amt in einer Verwaltung bewürben. Es sei nicht sein Auto gewesen, an dem der Drohbrief gehangen hätte, betont er. Was insofern auch gar nicht entscheidend ist, weil es »eine am Verfahren beteiligte Person« ist. Das reicht, um an die Öffentlichkeit zu gehen und Alarm zu schlagen.

Der Fall ist jetzt bei der Polizei. »Was strafrechtlich passiert und was die Staatsanwaltschaft damit macht, ist eine andere Schiene«, sagt Rebmann, »ich verstehe das auf jeden Fall als eine Drohung.« Er wolle keine Mutmaßungen über einen Zusammenhang mit dem Bürgerforum anstellen. Bleibt bis jetzt nur die Erkenntnis, dass am Dienstagabend etwas Ungeheuerliches passiert ist. Rebmann: »Das haut dem Fass den Boden raus.« (GEA)