BEMPFLINGEN. Martin Neumann ist 50 Jahre und kennt es nicht anders: Am Tag Abend vor Heiligdreikönig wird in Bempflingen um einen Stern gegaigelt. Das sei auch schon in der Kindheit seines Vaters und Großvaters nicht anders gewesen, weiß der Feuerwehrkommandant. Diese Tradition lebt auch 2026 weiter, doch warum und seit wann genau sich das kleine Dorf mit seinen 3300 Einwohnern Jahr für Jahr am Abend des 5. Januar in einem Ausnahmezustand befindet, das weiß niemand. Es gibt keine schriftlichen Unterlagen, der Ursprung ist nicht dokumentiert. Auch Sabine Fälchle zuckt mit den Schultern, wenn sie nach der Historie gefragt wird und hat sich sogar bei Archivar Rolf Bidlingmaier erkundigt. Doch eines weiß die Albvereins-Vorsitzende und Ur-Bempflingerin ganz genau: Die Dorfbewohner lieben diese Tradition und pflegen sie bewusst als etwas Besonderes. »Sie sind stolz darauf«, erklärt Fälchle und berichtet von der Aussage einer Seniorin, die am Morgen eines nachdrücklich betont habe: »Das ist unser Feiertag.«
Stärkung der Dorfgemeinschaft
17 Wirtshäuser gab es einst in Bempflingen, mutmaßlich trafen sich früher in allen die Ortsbewohner zum Sterngaigeln – die Gaststuben seien aus allen Nähten geplatzt, wird bis heute erzählt. Mangels Gasthäuser – zwei sind es derzeit noch – sind die Vereine vor unzähligen Jahren in die Bresche gesprungen. Der Schützenverein und der Sportverein, der Albverein und die Feuerwehr in Kleinbettlingen wie auch in Bempflingen sind die Gastgeber – Jung und Alt von 18 bis über 80 Jahren trifft sich bei ihnen zum Zocken. Der positive Nebeneffekt laut Neumann: Bei der Traditionsveranstaltung werde die Dorfgemeinschaft gestärkt, man rücke zusammen. Auch wenn es an den Sechsertischen zum Teil hoch hergehe und hart gekämpft werde: Der Spaß überwiegt. Das kann Tanja Galesky nur bestätigen. Die Finanzfachfrau der Gemeinde lässt kein Sterngaigeln aus und genießt das Miteinander: »Das Spiel ist nicht kompliziert und wenn man zu sechst ist, geht’s auch schnell«, berichtet sie von den Vorzügen.
»Was wir hier machen, ist eigentlich ein illegales Glücksspiel«, meint Kommandant Neumann und kann sich das Lachen nicht verkneifen. Gespielt wird jedoch nicht um Geld, sondern um essbare Sterne. Und die stellt ein sechsköpfiges Feuerwehr-Backteam um Frank Schmid selbst her, ab 5 Uhr und hatte sich das Feuerwehrhaus in eine Bäckerei verwandelt: Wie am Fließband habe man 60 Kilo Hefeteig zu knapp 100, etwa 30 Zentimeter großen Sternen verarbeitet. Sowieso: Die Feuerwehr hat den Sterngaigel-Abend perfektioniert, so kredenzt das Küchenteam den Kartenspielern ein Menü.
Stern hat sechs Zacken
Bei aller Kulinarik stand eines jedoch ganz klar im Vordergrund: Das Gaigeln, ein urschwäbisches Kartenspiel, das einfach und doch spannend ist. Jeweils sechs Spieler bilden eine Tischgemeinschaft. Zum Start werden die Karten rumgeschlagen. Das heißt: Die ersten drei Asse bilden eine Mannschaft. Dann geht‘s stundenlang ab: Es wird viel gelacht und ein bisschen geschimpft, der eine trickst etwas mehr und der andere weniger, auch unter dem Tisch wird gefüßelt – alles mit dem Ziel, die jeweilige Runde zu gewinnen. Die Sieger erhalten einen Stern, bezahlt von den Verlierern. Mitgenommen werden sie zum Ende des Spielabends, das könne laut Neumann bei dem ein oder anderen Tisch durchaus erst morgens gegen vier Uhr sein. Mit Blick auf die Reutlinger und ihr Mutscheln bezeichnet Kommandant Neumann die Bempflinger als die Clevereren: »Wir haben danach immer einen Feiertag.«
In Konkurrenz zur Mutschel-Tradition sehe man sich nicht, da sind sich die Bempflinger einig: Die dörfliche Traditionsveranstaltung habe alleine durch das Gaigeln ein ganz eigenes Flair. Mehr noch: »Es geht die Geschichte um, dass Bempflinger Sterngaigeln älter sind als das Mutscheln in Reutlingen«, erzählt Lauxmann. Und einen wesentlichen Unterschied gibt‘s auch: Der Bempflinger Stern hat sechs Zacken, die Mutschel acht.
An 14 Sechser-Tischen wurde am Montag im Feuerwehrhaus gegaigelt – mehr gehe laut Neumann nicht, er habe sogar eine Warteliste einrichten müssen. Und so sammelte er bereits am Montag die Voranmeldungen für das nächste Jahr ein, die Sterngaigel-Tradition in Bempflingen geht auf jeden Fall weiter. (GEA)

