METZINGEN. Verkehrsberuhigung in der Innenstadt, bessere Wege für Radfahrer, mehr Aufenthaltsqualität für Fußgänger: Zwölf Leuchtturmprojekte enthält der Aktionsplan Mobilität, Klima- und Lärmschutz der Stadt Metzingen, der samt ersten Maßnahmenvorschlägen am Mittwochabend in der Stadthalle vorgestellt wurde. Der Plan ist das bisherige Mobilitätsentwicklungskonzept (MEK), das die Stadt just vor den ersten Corona-Lockdowns angehen wollte und jüngst um die Zukunftsthemen Klima- und Lärmschutz erweitert und umgetauft hat. Die Projekte und Maßnahmen sollen nun priorisiert und binnen einem bis 15 Jahren umgesetzt werden.
Ausgearbeitet hat den Aktionsplan das von der Stadt beauftragte Büro Modus Consult, am Mittwoch vorgestellt von dessen Geschäftsführer Dr. Frank Gericke. Mehrfach war das damalige MEK in den vergangenen Jahren im Metzinger Gemeinderat, mehrfach konnten sich auch die Bürger einbringen: in Workshops und in einer Umfrage im vergangenen Sommer, an der allerdings nur einige hundert Menschen teilgenommen haben, womit die Umfrage nicht repräsentativ ist. Verhalten auch das Interesse bei der Vorstellung des Aktionsplans am Mittwoch: Knapp 70 Bürger sind in die Stadthalle gekommen, für 400 Besucher war bestuhlt. Dafür sind engagierte Wortbeiträge zu hören.
- Auto
Um die Innenstadt vom Verkehr zu entlasten, schlagen die Planer einen »verkehrsberuhigten Geschäftsbereich« am Lindenplatz, auf der Wilhelmstraße und in Teilen der Reutlinger Straße vor. Es soll Tempo 20 gelten, und die Straßenabschnitte könnten umgestaltet werden, im Sinne einer Torwirkung. »Dort sind viele Fußgänger unterwegs«, argumentiert Gericke, »da haben die Autofahrer Rücksicht zu nehmen.«
Das bisher auf die Parkhäuser und -plätze der Outletcity beschränkte Verkehrsleitsystem soll auf die städtischen Parkmöglichkeiten erweitert werden. »In der Innenstadt geht es um eine Ordnung des Parkens«, sagt Gericke. Was neue Zeitbegrenzungen mit Parkscheibe genauso nach sich ziehen kann wie weitere gebührenpflichtige Bereiche oder höhere Park-Entgelte. Die sind in Metzingen bisher noch sehr moderat.

Nach der nicht repräsentativen Umfrage benutzen dreiviertel der Befragten das Auto zumindest jede Woche. Doch die meisten Autos sind durch den CO2-Ausstoß klimaschädlich. Um den Umstieg auf E-Fahrzeuge zu forcieren, soll es deutlich mehr Ladesäulen im Stadtgebiet geben.
- Fahrrad
Auf beiden Teilen der Heerstraße, in der Hindenburgstraße und der Küferstraße sieht der Aktionsplan eine Fahrradstraße vor. Das bestehende Radwegenetz soll durch dichtere Beschilderung und mehr Markierungen aufgewertet werden. Vor dem Bahnhof sind Radabstellboxen oder gar ein Fahrradparkhaus denkbar, spruchreif ist hier aber nichts. Radverleihstationen auch mit E-Lastenrädern etwa an den Bahnhöfen Metzingen und Neuhausen sowie überdachte Abstellplätze am Keltern- und am Lindenplatz sind weitere Ideen aus dem Aktionsplan.
93 Prozent der von Modus Consult Befragten haben ein Fahrrad. Nicht wenige Menschen in Metzingen lassen auch gerne mal das Auto stehen. Ihnen gilt es den Umstieg aufs klimafreundliche und wendige Rad noch schmackhafter zu machen.
- Fußgänger
Ein barrierefreier Rundlauf zwischen Bahnhof, Innenstadt und Outletcity soll das Laufen und Flanieren in der Stadt attraktiver machen. Dem dienen auch optimierte Ampelschaltungen mit kürzeren Wartezeiten für Fußgänger und sicherere Querungen etwa über die Stuttgarter Straße oder die B 313 beim Neugreuth. 47 Prozent von 431 Befragten sind täglich zu Fuß unterwegs.
- Öffentlicher Nahverkehr
Die bisher zumindest laut Modus-Umfrage von den Einwohnern im Stadtverkehr selten bis gar nicht genutzten Busse und Bahnen sollen aufgewertet werden: durch die »Mobilitätsdrehscheibe« an einem aufgewerteten Bahnhofsvorplatz, mehr Busse abends und an Wochenenden oder eine mögliche neue Stadtverkehrslinie 204, die südliche Teile Neuhausens mit dem Wohngebiet Amtäcker-Brühl und dem Ganzjahresbad im Bongertwasen verbinden könnte, das Ende 2029 öffnen soll. Wann der von der Kreissparkasse teilmodernisierte Bahnhofsvorplatz komplett umgemodelt wird, steht weiter in den Sternen. Alles eine Frage der Priorisierung.
- Diskussion
Zwei Schülerinnen und eine Lehrerin betonen die schon jetzt enge und gefährliche Verkehrslage morgens am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, mitverursacht durch zahlreiche Elterntaxis. Wenn die Heerstraße zur Fahrradstraße werde, könne sich die Lage im parallel verlaufenden Öschweg, in dem das Gymnasium liegt, verschärfen. »Wir bitten Sie, das nochmal zu überdenken.« Planer Frank Gericke versucht die Bedenken zu entkräften: »Durch die Fahrradstraße ändert sich nichts. Autos dürfen dort weiter verkehren.« Andere Lösung für den Öschweg: Er könnte mit dem neuen Schild »Schulstraße« ausgewiesen werden und die Schranke, die den Pausenhof zu bestimmten Zeiten erweitert, könnte auch bei Schulbeginn und -schluss heruntergelassen werden.

Die Stimmung unter den diskussionsfreudigen Metzingern ist sachbetont, zuweilen aber auch emotional angeheizt. »Wenn Sie noch 15 Jahre warten, sind die Leute im Gebiet Haugenrain weggestorben«, meint eine Seniorin, die dieses Wohngebiet auch im Sinne ihrer Altersgenossen zumindest per Kleinbus ans ÖPNV-Netz angeschlossen sehen wollte. Ein anderer Ruheständler stört sich am ausgedehnten Verfahren des Aktionsplans und seines Vorgängers und ruft vehement auf: »Machen, machen, nicht nur reden!«
Die Frau aus dem Haugenrain plädiert in der Kanalstraße für einen Radweg statt Parkplätzen auf einer der beiden Straßenseiten. »Ein zusätzlicher Radweg ist eine Einschränkung für eine andere Gruppe«, entgegnet OB Carmen Haberstroh. Nämlich die der Anwohner. Also wird es bei jeder Aktionsplan-Maßnahme um Abwägung gehen, ein Job der Stadtverwaltung. Und immer darum, im Gemeinwohl und nicht im Partikular- oder Individual-Interesse zu handeln, also für möglichst viele Einwohner Verbesserungen zu bewirken.
Silvio Flemmig, Vorstand der Cityinitiative Metzingen, hebt das Nebeneinander von Individualverkehr, Radfahrern, Öffis und Fußgängern in der Innenstadt hervor. »Wir würden gerne mit ausarbeiten, was gut ist.« Auch dieses Feedback kann in die nächste Diskussionsrunde um den Aktionsplan einfließen.
- Wie es weitergeht
Erneut können die Bürger online bei der Stadtverwaltung ihre Feedbacks zum Aktionsplan abgeben. Diese kommen mit dem Plan voraussichtlich am 23. April wieder in den Gemeinderat. Der kann dann Leuchtturmprojekte priorisieren und Maßnahmen für die ersten beschließen. »Es muss mit der Haushaltsplanung abgestimmt werden«, macht Baubürgermeister Haas schon mal klar. Der Doppelhaushalt 2026/27 ist noch nicht in den Gemeinderat eingebracht. Das eine oder andere Radwegeschild oder die von einem Bürger erbetenen roten Markierungen an gefährlichen Schnittpunkten könnte die Stadtverwaltung aber auch im laufenden Betrieb stemmen. (GEA)


