METZINGEN. Ruth Gänsslen erinnert sich noch genau an diese eine Umarmung. Als ihr Vater Hermann ihren kleinen Bruder in den Arm nahm, ihn ganz fest drückte. So herzlich und innig, »das hat er sonst nie gemacht«. Das war 1939, direkt nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Vater verabschiedete sich an diesem Tag von seiner Familie in Metzingen. Er war zum Brückenbau-Bataillon eingezogen worden und musste in den Krieg ziehen. Nach Frankreich, dann nach Polen und später, als Hitler die Sowjetunion überfallen hatte, in die Ukraine. Dem damals 38-Jährigen war bei dieser Umarmung klar: Das könnte ein Abschied für immer sein.
Ruth Gänsslen ist eine wahrlich außergewöhnliche Frau: 93 Jahre alt, die Augen leuchten, die kleine, chic gekleidete Dame strahlt Lebendigkeit aus. Ihr Haus gleicht einem liebe- und stilvoll eingerichteten Retro-Museum, ihr Geist ist hellwach - und ihr Körper, gemessen an ihrem hohen Alter, auch. Jeden Morgen beginnt die ehemalige Inhaberin eines Porzellan-Geschäfts mit einer Yoga-Übung, dann werden Rücken und Schultern gedehnt - und zwar mit Übungen, die manch' 40-Jähriger nicht schaffen würde. Um 10.30 Uhr gibt's ein halbes Glas Sekt, dann tanzt die Seniorin Charleston, später macht sie Mittagsschlaf auf dem Boden, die Beine auf einen Stuhl gelegt. »Ist gut für die Wirbelsäule.«
»Das ist alles gespeichert. Die ganze Kindheit und Jugend ist gespeichert«
Doch nicht nur Ruth Gänsslens Körper ist noch fit, auch ihre Erinnerung, vor allem an die Kindheit und Jugend, ist bewundernswert glasklar. »Jedes Mal, wenn ich durch Metzingen laufe, erinnere ich mich an bestimmten Plätzen an Dinge, die dort früher passiert sind«, sagt sie. Je älter sie werde, desto klarer und häufiger kommen die Erinnerungen. »Das ist alles gespeichert. Die ganze Kindheit und Jugend ist gespeichert.«

Eine der prägendsten Erinnerungen hat wieder mit ihrem Vater zu tun. Als dieser mal auf Heimaturlaub in Metzingen war, habe er seiner Frau von den Erlebnissen in Polen erzählt - und die junge Ruth hörte im Nachbarzimmer zu. Bei Lemberg, heute das ukrainische Lwiw, mussten Juden einen Graben ausheben, wurden reingestoßen, dann wurde in den Graben geschossen. Am nächsten Tag sei ihr Vater mit dem Auto erneut an dieser Stelle vorbeigefahren, erzählt Ruth Gänsslen. »Und dann hat sich die Erde immer noch bewegt.« Ein so furchtbares Bild, dass es den Vater zeit seines Lebens nicht mehr losließ.
»Wenn du das nicht machst, kommt an dein Schaufenster 'Judenfreund'«
Zur jungen Ruth hieß es damals immer: »Erzähl bloß nichts weiter, was daheim g'schwätzt wird!« Beispielsweise dem linientreuen und neugierigen Nachbarn, der jeden Morgen in SS-Uniform am Fenster gestanden sei und die Kinder über ihr Elternhaus ausgefragt habe. Ja, die Angst vor Denuziantentum sei groß gewesen, sagt Ruth Gänsslen. Und der Druck mitzumachen ebenso. Ihr Vater, Inhaber einer Küferei und eines Weinhandels in Metzingen, habe sich eigentlich geweigert, der SA beizutreten. Ein Freund habe ihn dann gewarnt: »Wenn du das nicht machst, kommt an dein Schaufenster 'Judenfreund'.« Also fügte sich Hermann Huber. Noch ein weiteres schreckliches Kriegserlebnis erzählte er dann auf Heimaturlaub seiner Frau und seiner Tochter. »Als der Krieg mit Russland losging, hat er am Straßenrand einen verwundeten russischen Soldaten gefunden«, erzählt die 93-Jährige beim Gespräch mit dem GEA. »Er hat ihn ins Auto geladen und ihn versorgt, fünf Tage lang. Dann musste er ihn irgendwann abgeben. Und der Russe war kaum aus dem Auto raus, da wurde er schon erschossen.«
Wer linientreu war, der war oftmals mächtig im sozialen Gefüge der kleinen deutschen Dörfer und Städte. Da alle Lehrer im Krieg waren, wurde der Schulunterricht auch in Metzingen von »Hilfsfräulein« abgehalten, erinnert sich Ruth Gänsslen: »Eine von denen hat meine Freundin, die Liane, auf dem Kieker gehabt. Und eines schönen Tages, da flog die Türe vom Klassenzimmer auf, und Lianes Großvater kam in der SS-Uniform rein. Er hat der Hilfslehrerin rechts und links an die Backen gehauen. Dann hatte sich das erledigt.«
»Ich hab die Uniform gerne angezogen«
Als Ruth zehn Jahre alt wurde, musste sie dem Jungmädelbund, der Kinderorganisation vom Bund deutscher Mädel (BDM), beitreten. Die Mitgliedschaft war seit 1939 Pflicht. »In Reutlingen haben wir die Uniform gekauft«, erinnert sich die 93-Jährige. »Ich hab die Uniform gerne angezogen. Wir haben viel Sport gemacht, das hat mir gefallen.« Mittwochs gab's immer Vorträge, »da wurden wir auf Hitler und so getrimmt«. Da habe sie aber gar nicht so aufmerksam zugehört, und sich eigentlich nur für den Sport interessiert. »Ich war sportlich, hab auch immer Siegernadeln gekriegt.« Außerdem wich das, was sie beim Jungmädelbund hörte, deutlich von dem ab, was in ihrem Elternhaus über den Krieg gesprochen wurde.
Irgendwann kam ihr Vater von der Front zurück, schwer verletzt und damit kriegsuntauglich. Was ihm vermutlich das Leben rettete. »In dieser Zeit sind 70 Prozent seiner Kompanie auf der Halbinsel Krim gefallen«, erzählt Ruth Gänsslen. Und ihr Vater habe nach dem Krieg »sein ganzes Leben lang« Kontakt zu einigen Witwen der dort gefallenen Kameraden gepflegt. Bei der Heuernte habe er in Metzingen dann einen polnischen Zwangsarbeiter gesehen, der unter unwürdigen Bedingungen bei der örtlichen Dreschmaschine lebte. »Der Stanis«, sagt Ruth Gänsslen mit einem Lächeln. Ihr Vater nahm ihn mit - gegen Widerstände des zuständigen SS-Mannes. . »Mein Vater hat immer gesagt: So geht man nicht mit Menschen um.« Eine tiefe Freundschaft entstand. Bei Fliegeralarm durften Zwangsarbeiter nicht in die Schutzräume. Also sei der Großvater mit Stanis in der Wohnung geblieben.
»Mein Vater hat immer gesagt: So geht man nicht mit Menschen um«
Nicht nur den Zwangsarbeitern geschah damals Unrecht. »Unser Nachbar war ein Bauer, sein Sohn ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen, das war ein ganz Lieber«, erzählt Ruth Gänsslen. »Die Frau des Bauers war bei den Zeugen Jehovas. Und die haben sie dann abgeholt und ins Zuchthaus nach Stuttgart gebracht.« Rund 6.000 bis 10.000 Zeugen Jehovas wurden insgesamt während des Dritten Reichs von den Nazis inhaftiert, oft in Konzentrationslagern. Rund 1.200 von ihnen wurden ermordert. »Die Schwester des Bauern, die Anna, die war ein bisschen geistig behindert«, berichtet Ruth Gänsslen weiter. »Die haben sie dann auch abgeholt zum Doktor nach Göppingen, da hat sie die Todesspritze gekriegt.« Die Familie ihrer Freundin habe nachts heimlich ausländische Radiosender gehört, in denen sei berichtet worden, »dass Omnibusse durch Metzingen fahren und Menschen abholen«. Die grauen Busse, die in die Tötungsanstalt nach Grafeneck fuhren - Ruth Gänsslen hat sie selbst gesehen. »Es war bekannt, dass Leute abgeholt werden und verschwinden. Das wurde im Dorf geflüstert. Laut hat man das aber nie gesagt, sonst wäre man mit reingezogen worden.«
Als das Kriegsende nahte, wurde die Gefahr für Ruth Gänsslen real. Bei Fliegeralarm flüchtete die Familie mitsamt der Nachbarschaft in den Weinkeller der Familie. Die Großmutter habe jedes Mal gesagt: »Kinder, betet nur, dass wir hier nicht versaufen müssen.« Bei Bombardierung umliegender Städte habe man den Feuerschein am Himmel gesehen. Drei Metzinger Mädchen starben bei einem Einsatz vom Bund Deutscher Mädel (BDM) in Pforzheim, als sie in einem Keller verschüttet wurden. Ruth Gänsslen kannte sie gut.
»Laut hat man das aber nie gesagt, sonst wäre man mit reingezogen worden«
Eines Tages wurden die junge Ruth und ihre Schwester von einem Tiefflieger beschossen, »wir konnten uns grade noch in den Graben legen. Ein Stück weiter lief eine Frau, die haben sie erschossen«. Und dann waren plötzlich die Amerikaner da. Am Morgen des 23. April 1945. »Als ich aus dem Fenster schaute, war da ein amerikanischer Jeep«, erinnert sich Ruth Gänsslen. Neugierig sei sie auf die Straße gegangen und habe von den Amerikanern den ersten Kaugummi ihres Lebens bekommen. Ihre Eltern, die sich in einem Häusschen am Florianberg in Sicherheit wähnten, seien bei Kriegsende »arg verängstigt« gewesen. »Sie wussten ja nicht, wie es weitergeht.«
Die letzten Zeitzeugen
Der Zweite Weltkrieg steht für das Menschheitsverbrechen des Holocaust, für massenhafte Vertreibung, Trauer, Leid, Tod, traumatisierte Menschen, zerstörte Landstriche und Städte. Rund 60 Millionen Menschen starben zwischen 1939 und 1945. Die Aufarbeitung dieser Zeit ist genauso wichtig wie sicherzustellen, dass solche Verbrechen nie wieder passieren. Zur Erinnerungskultur gehört aber auch, den Menschen zuzuhören, die damals gelebt haben. Und dazu bleibt nicht mehr viel Zeit. Der GEA lässt die letzten noch lebenden Zeitzeugen in der Region in einer losen Artikelserie zu Wort kommen.
Viele von ihnen haben sich erst im hohen Alter dazu entschlossen, über ihre Erinnerungen zu sprechen. Sie waren in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel, wuchsen als Kinder von Nazi-Gegnern wie auch glühenden Partei-Mitgliedern auf. Sie haben Bombardierungen, Vertreibung und Zwangsarbeit erlebt, waren Soldat und sogar in Kriegsgefangenschaft. Ihre Geschichten sollen exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigen, wie das Leben in Deutschland damals ausgesehen hat. (kk)
Viele Jahrzehnte nach Kriegsende wird die Geschichte für Ruth Gänsslen schließlich noch einmal greifbar. Bei der Beerdigung ihres Mannes sei ein junger Mann vor der Kirche gestanden und habe alles beobachtet: Der Enkel von Stanis, dem polnischen Zwangsarbeiter. »Stellen Sie sich vor: Der ist tatsächlich extra zu uns gefahren.« Die alte Dame ist noch heute gerührt, wenn sie an diesen Moment denkt. (GEA)



