RÖMERSTEIN. 50 Jahre ist es her, dass die Dörfer Böhringen mit Strohweiler und Aglishardt, Donnstetten und Zainingen im Zuge der Gemeindereform – nicht ohne Widerstände – zur Gemeinde Römerstein verschmolzen wurden. »Eine Zweckgemeinschaft, keine Liebesbeziehung war es zu Anfang«, erzählt der stellvertretende Bürgermeister Christoph Loser, der als Moderator den Freitagabend des Jubiläumsfests bestritt und in seiner knitzen Art jederzeit den richtigen Ton fand.
Als gebürtiger Böhringer mit einer Donnstetterin verheiratet, der Schwiegervater ein Zaininger, in der Strohweiler Straße gewohnt und einen Hund nach Aglishardt verkauft, bezeichnete sich Loser als beste Besetzung für den Abend: »Wir alle haben diese 50 Jahre geprägt und uns eingebracht, haben alle zusammen den Charakter der Gemeinde bestimmt. Und eine gute Beziehung ist, wenn man sich trotzdem mag«, lautete sein Eingangsstatement, ehe er Bürgermeisterin Anja Sauer das Feld überließ. Einen Seitenhieb auf das aktuelle Zeitgeschehen verkniff sich Loser nicht: Er meinte nicht die Böllerschüsse der Schützengilde, sondern den »Knall«, der vorige Woche in Römerstein bis ins Tal zu hören war, als bekannt wurde, dass sich Sauer für das Oberbürgermeisteramt in Eislingen bewirbt.
»Wir alle haben diese 50 Jahre geprägt und uns eingebracht«
Die Vorgeschichte der »Goldenen Hochzeit« ist lang und begann laut der Bürgermeisterin mit der Gebietsreform, die 1968 startete. »Das Ziel war, leistungsfähigere Gemeinden zu schaffen.« Noch im Juni 1974 schien das neue Römerstein in weiter Ferne, denn die Zaininger lehnten ab, während Böhringen und Donnstetten bereit waren. Erst am letztmöglichen Tag eines Beitritts willigten die Zaininger ein: »Eine schwere Geburt mit vielen Emotionen.« Relativ einfach war dann die Wahl, denn mit »sensationellen 66,2 Prozent« wählten die Neu-Römersteiner Hans Sigel zu ihrem Bürgermeister - als einen der jüngsten Bürgermeister im ganzen Land. Bereits im April 1975 wurde nach Sauers Worten dann der Gesamtgemeinderat gewählt.
In ihrem 30-minütigen Rückblick auf 50 Jahre Gemeindeentwicklung sprechen Zahlen eine eindeutige Sprache: Lebten 1975 noch 3.369 Menschen in Römerstein, sind es heute 4.144 – ein Wachstum um 23 Prozent und damit knapp über dem Landeswachstum. »Ein Zeichen dafür, dass Römerstein in 50 Jahren als Wohn- und Lebensort an Attraktivität gewonnen hat – durch eine gute Baulandpolitik, Familienfreundlichkeit, Arbeitsplätze, eine ausreichende Versorgung und ein lebendiges Miteinander.«
Als denjenigen, der die Gemeinde mit seinem konsequenten Tun, seiner Durchsetzungskraft und Weitblick auf einen sehr guten Weg brachte, nannte Sauer Altbürgermeister Hans Sigel. Nicht vergessen wurden von ihr auch die Nachfolger Michael Donth, der sich als Bundestagsabgeordneter für Römerstein einsetze und dessen Nachfolger Matthias Winter.
Dass Sigel nicht immer ganz einfach im Umgang war, wurde später bei den »Sofagesprächen« mit ehemaligen Ortschafts- und Gemeinderäten deutlich: »Do hots manchmal scho gfetzt, aber noch dr Sitzong send mr oins drenka ganga.« Nicht ohne Stolz betonte Sauer, dass Römerstein exemplarisch für eine stabile Gemeinde stehe, die in Zeiten des Wandels bewusst auf ihre bewährten Tugenden setze: »Fleiß und schaffa, wie wir hier sagen, und das mit viel Herzblut.«
»Do hots manchmal scho gfetzt, aber noch dr Sitzong send mr oins drenka ganga«
Auf das Hochplateau der Schwäbischen Alb gefahren war an diesem Abend auch Baden-Württembergs stellvertretender Ministerpräsident Thomas Strobl. Er freute sich nicht nur darauf, politische Weggefährten zu treffen und die »beste Blasmusik der Welt«, sondern meinte zum großen Amüsement der 400 geladenen Gäste und den Video-Zuschauern im Zelt vor der Böhringer Festhalle: »Nach einer ganzen Woche in Stuttgart ischd mr froh, wenn mr a paar normale Leut sieht.«
Er verdeutlichte den enormen Einschnitt, den die Gemeindereform brachte: »zwei Drittel der Gemeinden wurden abgeschafft, von 3.379 auf 1.111, und die Hälfte der Landkreise.« Dass dies nicht alles ganz freiwillig verlief, sei mehr als nachvollziehbar. Auch in Römerstein sei der Widerstand groß gewesen, aber die Zusammenlegung sei gelungen, ohne Verlust der örtlichen Identität. Sein Dank dafür galt den örtlichen Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr für ihren Dienst an der Demokratie. Ad multos annnos – auf weitere 50 glückliche Jahre, endete Strobl.
Mit der Anrede »liebe Trauergemeinde« startete Landrat Dr. Ulrich Fiedler in sein Grußwort. So sei es 1974 in der Presse nachzulesen gewesen, als die Fusion bekannt wurde. Heute sei allerdings kein Grund zum Trauern, denn das Zwischenfazit laute: »Auch auf steinigem Weg kommt man zu einem guten Ergebnis. Manchmal bedarf es einfach eines langen Atems.«
»Hier in Römerstein ist fast jeder Bürger in mehreren Vereinen aktiv«
Fiedler lobte das Herzstück Baden-Württembergs, das Ehrenamt. Und meinte ganz speziell die kleineren Gemeinden wie Römerstein: »In Stuttgart sind zehn Prozent ehrenamtlich tätig, das sind rund 70.000. Hier in Römerstein ist fast jeder Bürger in mehreren Vereinen aktiv. Die Pulsschlagader Baden-Württembergs schlägt im ländlichen Raum. Die Vereine leisten einen wichtigen Beitrag zur Demokratie« und dies sei ganz wichtig in Zeiten, in denen der Egoismus wachse und jeder die Ellenbogen ein bisschen mehr ausfahre. Aber in Römerstein ist ihm um die Zukunft nicht bange und er riet allen im Saal: »Behalten sie ihre Eigenheit.«
Nach dem Auftritt des Römersteiner Männerchors, der eigens zum Jubiläum gebildet wurde, und den Sofagesprächen mit Zeitzeugen, rundete das Theaterstück von Erhard Widmaier »Auf gute Nachbarschaft – im gleichen Haus« den Jubiläumsabend ab. Am Samstag war dann Party mit DJ im Festzelt angesagt und am Sonntag klang die »Goldene Hochzeit« mit einem Festtag am Römersteinturm, der der Gemeinde ihren Namen gab, aus. (GEA)


