DETTINGEN. Eigenständig leben und doch in einer Gemeinschaft eingebunden sein. Tun und lassen, was man will, und gleichzeitig unter positiver Beobachtung der Mitbewohner stehen: Kurt und Vera Leibfarth, beide Mitte 80, haben sich vor zehn Jahren entschlossen, ihr Eigenheim in der Buchhalde-Siedlung aufzugeben und in die Dettinger Ortsmitte zu ziehen, um dort sorglos zu wohnen. So heißt bis heute ein wegweisendes Projekt, das nach wie vor Vorbildcharakter für ähnliche Planungen hat. »Wir sind kein Altersheim und auch kein betreutes Wohnen«, unterstreicht Monika Schur-Wolf. »Es handelt sich um ein Mehrgenerationenhaus-Projekt.«
Wie die Leibfarths ist auch Monika Schur-Wolf eine Mitmacherin der ersten Stunde, hat sich aktiv an der Umsetzung der Idee vom »Sorglos wohnen« und dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Alters beteiligt. »Wir haben uns alles selbst erarbeitet in einer sehr demokratischen Art und Weise«, berichtet die 64-Jährige vom Entstehungsprozess. Drei Jahre lang habe sich die Gemeinschaft von 26 Eigentümern – dazu zählen auch die Bruderhaus Diakonie, die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft und die Gemeinde - einmal im Monat getroffen. Darunter auch diejenigen, die gar nicht selbst eingezogen sind – sie verstünden sich nach wie vor als Teil des Ganzen: »Wenn man sie ruft, helfen auch sie.« Denn: Manche Eigentümer wollen im Alter selbst in ihre Wohnungen einziehen.
Nähe zur Ortsmitte ein Plus
Das sei bei ihr zu Beginn nicht anders gewesen, gibt Monika Schur-Wolf zu. Sie wollte sich vor zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann eine Option fürs Wohnen im Alter freihalten, doch sie habe mitten im Entstehungsprozess umgedacht und die Entscheidung bis heute nicht bereut: »Wir fühlen uns wohl.« Das gilt auch für die alleinstehende Erika Merz, die eine Wohnung gemietet hat: Die gebürtige Böhringerin hatte viele Jahre im Eigenheim in Erkenbrechtsweiler gelebt, wollte sich verkleinern. Über Kontakte habe sie von einer freien Wohnung in »Sorglos Wohnen« gehört und wagte den Neuanfang in neuer Umgebung. Sie sei sofort in die Gemeinschaft aufgenommen worden: »Man unterstützt sich«, erzählt die Seniorin, die inzwischen auf den Rollator angewiesen ist. Es würde immer jemand aus den Reihen der Mitbewohner geben, die für sie einkaufen oder sie zum Arzt fahren würden. Und wenn sie morgens aufstehe, ziehe sie als erstes den Rollladen hoch: »Das ist das Zeichen, dass es einem gut geht«, erzählt sie lachend.
Die Nähe zur Ortsmitte und zum direkt vor dem Haus liegenden Bahnhof seien ein Plus fürs Leben im Alter und werde auch von den Jüngeren geschätzt, wie Monika Wolf-Schur erklärt. Umso dankbarer sei man der Gemeinde Dettingen bis heute, das innerörtliche Filetstück mit der 42 Ar großen Grundstücksfläche einst nicht an einen Investor verkauft zu haben. Mehr noch: 2011 habe die Gemeinde zu einem Informationsabend eingeladen, um die Idee eines Mehrgenerationenprojekts vorzustellen – rund 50 Interessierte seinen gekommen, wie sich Kurt Leibfarth erinnert.
Ein mehrjähriger dynamischer, teilweise durchaus anstrengender Prozess sei in Gang gekommen, begleitet von Professor Eckart Hammer von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Zunächst wurde eine Planungsgemeinschaft gegründet, in die Geld eingebracht wurde, später folgte die Gründung einer Bauherrengemeinschaft mit Bürgermeister Michael Hillert als Geschäftsführer. Eine erste Planung wurde vorgestellt: »Erstaunlicherweise ist es fast so geworden«, erinnert sich Monika Wolf-Schur. Und was damals alle freute: Bereits in der Planungsphase wurde das Projekt vom Deutschen Städtebaukongress ausgezeichnet.
Viele Ideen seien aufgepoppt - wie die eines Pools auf dem Dach - und wurden verworfen. Grundsätzlich gelte laut Monika Schur-Wolf jedoch eines: In der Praxis habe sich vieles bewährt, das gemeinsam erarbeitet wurde – selbst über die Abstände der Balkone habe man intensiv diskutiert. Keine der 45 Wohnungen in unterschiedlicher Größe gleicht denn auch der anderen. Etwa 60 Personen leben in dem Haus mit einer Wohnfläche von 3.649 Quadratmeter.
Mit dem Umzug »alles richtig gemacht«
Im Gebäude befinden sich auch die ambulante Senioren-WG »Im Kirschentäle« der Bruderhaus Diakonie und eine TigeR-Kinderbetreuungsgruppe sowie ein von der Hausgemeinschaft rege genutzter Gemeinschaftsraum, in dem unter anderem auch die VHS und das DRK Kurse anbieten. Im Sommer ist der Innenhof ein beliebter Treffpunkt für die sorglos Wohnenden, eine Teilnahme an den Aktivitäten sei laut Vera Leibfarth jedoch alles andere als verpflichtend. Es werden Geburtstage gefeiert, Weihnachten und Ostern sowieso und einzelne Cliquen machen Ausflüge miteinander. Motor des gelebten Miteinanders seien, so Monika Schur-Wolf, ganz klar die Leibfarths.
Über 50 Jahre hatten die in ihrem Haus in der Buchhalde gelebt. Für ihren Entschluss in eine Wohnung in der Ortsmitte von Dettingen zu ziehen, seien sie vor zehn Jahren belächelt worden. »Nun hören wir oft, dass wir alles richtig gemacht haben«, meint Kurt Leibfarth. Der Abschied vom alten Umfeld sei nicht leichtgefallen, gibt er zu: »Ich war mir eigentlich sicher, dass ich deshalb Tränen vergießen werde. Aber das war bis heute nicht der Fall.« Die Idee vom »Sorglos wohnen« mit Vorbildcharakter für ähnliche Projekte habe sich bewährt – insgesamt gesehen und für sie als Ehepaar ebenso. (GEA)


