REUTLINGEN. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen (WPR) muss sparen und besetzt derzeit frei gewordene Stellen erst nach drei Monaten nach. Wenn überhaupt. Für Marina Paccagnella, die langjährige Soloharfenistin, ist vorerst keine Nachfolgerin und kein Nachfolger vorgesehen. Das Orchester kämpft zum Saisonende mit einem Defizit von knapp 200.000 Euro. Schwierigkeiten bereite der Philharmonie, dass das Land Baden-Württemberg bei seiner Förderung die Tariferhöhungen nicht zeitnah und in vollem Umfang ausgleiche, wie dies die Stadt Reutlingen tue, sagte WPR- Intendant Cornelius Grube bei der Spielzeitvorstellung mit Chefdirigentin Ariane Matiakh und Dramaturgin Stefanie Eberhardt. »Zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben«, kommentierte Grube die finanzielle Lage des Orchesters - ungeachtet der Tatsache, dass die WPR ihre Einnahmen steigert.
Eine liebgewonnene Konzertreihe stellt das Orchester ein: »Sonntags um elf« hatte nie die Publikumszahlen wie die durchschnittlich zu rund 90 Prozent ausgelasteten Sinfonie- und Kaleidoskopkonzerte. Im besten Fall war die Reutlinger Stadthalle bei diesen Gelegenheiten halb voll. »Finanziell bekommen wir das nicht hin«, sagte Grube mit Verweis auf die hohe Stadthallen-Miete, die jene der Stuttgarter Liederhalle und der Münchner Philharmonie übersteige.
Zwei Familienkonzerte in der Stadthalle
So kommt es, dass das Orchester die Zahl seiner Konzerte in der Stadthalle reduziert. Zwar bleibt es bei acht Sinfonie- und sieben Kaleidoskopkonzerten. Auch an Silvestergala und Neujahrskonzert sowie der Aufführung des Bach'schen Weihnachtsoratoriums am 2. Weihnachtsfeiertag zusammen dem Knabenchor Capella Vocalis hält das Orchester fest. Für die drei wegfallenden »Sonntags um elf«-Konzerte allerdings gibt es nur bedingt Ersatz. Ein zweites Familienkonzert in der Stadthalle kommt hinzu. Am 16. November - einem Sonntag um 11 Uhr - dirigiert Ariane Matiakh ein Programm unter dem Titel »Die 5 Räuber und der geheimnisvolle Hut«. Als Sprecher ist der Schauspieler Rufus Beck dabei. Die WPR übernimmt die Produktion vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.
Das zweite Familienkonzert in der Stadthalle, »Das etwas André-Konzert« (21. Juni), gestaltet das Orchester mit dem TV-bekannten André Gatzke (»Die Sendung mit der Maus«, »Die Sendung mit dem Elefanten«, »Wunderschön«). Unter anderem in einem interaktiven Teil, der Spiele mit dem Publikum umfasse, könnten die Zuhörerinnen und Zuhörer dabei in die »Erlebniswelt Orchester« eintauchen, sagte Dramaturgin Stefanie Eberhardt.
Entdeckerabend mit Komponist Tanguy
In der Reihe der Sinfoniekonzerte gibt es am 16. März die Uraufführung eines Klavierkonzerts (Interpretin: Suzana Bartal), das die Württembergische Philharmonie zusammen mit zwei weiteren Orchestern - dem Orchestre National de Bretagne und dem BBC National Orchestra of Wales - bei Éric Tanguy in Auftrag gegeben hat. Dieser zählt zu den meistgespielten zeitgenössischen Komponisten Frankreichs und hat vor zweieinhalb Jahrzehnten für Mstislav Rostropowitsch ein Cellokonzert komponiert. Tanguy wird bei zwei Gelegenheiten in Reutlingen sein: zur Uraufführung nebst »Entdeckerabend« (13. März im WPR-Studio) und bereits zum Saisonauftakt am 29. September, wenn im 1. Sinfoniekonzert sein Werk »Affettuoso« erklingt. Die Leitung hat in beiden Fällen Ariane Matiakh.
Zu einer deutschen Erstaufführung kommt es im Sinfoniekonzert am 11. Mai. Ana de la Vega spielt dann mit der Württembergischen Philharmonie Elzbieta Sikoras Flötenkonzert, das der belarussischen Bürgerrechtlerin Maryja Kalesnikawa gewidmet ist, die als Flötistin und Kulturmanagerin einige Zeit in Stuttgart wirkte und aus politischen Gründen in ihrem Heimatland im Gefängnis sitzt.
Das 2. Sinfoniekonzert (20. Oktober) wird vom SWR mitgeschnitten. Zu erleben ist darin der junge Tübinger Cellist Lionel Martin, mit dem die Württembergische Philharmonie im Anschluss auf Konzertreise nach Österreich geht. In Wels spielt das Orchester mit ihm unter Ariane Matiakhs Leitung. Und im Wiener Musikvereinssaal. Martin interpretiert Robert Schumanns Cellokonzert in a-Moll.
Mit Mira Foron präsentiert das Orchester ein weiteres junges Talent. Die Stuttgarter Geigerin spielt am 2. Februar in der Reutlinger Stadthalle Jean Sibelius' Violinkonzert in d-Moll. Zu den Künstlern aus der Region, mit denen die WPR bei den Sinfoniekonzerten zusammenarbeitet, zählt am 1. Dezember auch das GrauSchumacher Piano Duo, das ein »Concerto pathétique« für zwei Klaviere und Orchester von Franz Liszt/Stephan Heucke spielt. Zum Abschluss der Sinfoniekonzert-Reihe erklingt am 15. Juni Gustav Mahlers 2. Sinfonie (»Auferstehung«) mit dem Philharmonia Chor Stuttgart und dem Württembergischen Kammerchor. Außerdem sind die renommierten Mahler-Sängerinnen Christina Landshamer und Gerhild Romberger dabei.
Liebeserklärung an die Alb
Zu den Besonderheiten der Kaleidoskop-Reihe zählt am 30. April die Uraufführung einer sinfonischen Klangreise. Gezeigt wird unter dem Titel »Zeitkreise« ein Film von Dietmar Nill. Die von der Philharmonie live aufgeführte Musik dazu komponiert Stephan Boehme. Angekündigt ist eine »gemeinsame Liebeserklärung an die Schwäbische Alb« als immersives Konzerterlebnis.
Die Württembergische Philharmonie wird in den kommenden Monaten viel unterwegs sein, unter anderem mehrmals im Festspielhaus Baden-Baden spielen (3. bis 5. Oktober John Neumeiers »Nijinsky« mit dem Hamburg Ballett; 12. bis 14. Dezember »Die Schneekönigin« mit dem Nationalballett der Ukraine) und als Festivalorchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele beim Monrepos Open Air (18. Juli 2026).
Dirigierklassen im WPR-Studio
Seine Werkstattkonzert-Reihe baut das Orchester weiter aus. Im Studio der Philharmonie sind diesmal Dirigierklassen der Musikhochschulen Frankfurt am Main, Mannheim (zweimal) und Zürich zu Gast. Für diese Konzerte wird erstmals Eintritt verlangt.
Für das Philharmoniemobil Philmo hat das Orchester viele Anfragen aus ganz Baden-Württemberg. Drei Dutzend Schulen hat es bereits besucht. Als weitere Zielgruppe sollen Seniorenheime dazukommen. Mit der Konzertreihe »Seelenbalsam« für Menschen mit Demenz und ihre Begleitung bleibt die WPR in Reutlingen präsent, die Konzerte in Tübingen fallen dagegen wegen zu geringer Nachfrage weg. (GEA)




