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Zwei Leben für Regenwürmer: Gaspard Koenig im »Prix Première«-Finale

Gaspard Koenig ist einer von drei Finalisten im »Prix Première«, der Romane von Autoren würdigt, die zum ersten Mal aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt werden. In seinem Roman »Humus« geht es um zwei junge Männer, die auf je ihre Weise Regenwürmer zum Lebensprojekt machen.

Jeder kennt sie, doch kaum einer weiß etwas über sie: Einer Studie des Senckenberg-Museums Görlitz zufolge gibt es 46 Arten von
Jeder kennt sie, doch kaum einer weiß etwas über sie: Einer Studie des Senckenberg-Museums Görlitz zufolge gibt es 46 Arten von Regenwürmern in Deutschland. Für die Fruchtbarmachung des Bodens sind sie unverzichtbar. Foto: unbekannt/dpa
Jeder kennt sie, doch kaum einer weiß etwas über sie: Einer Studie des Senckenberg-Museums Görlitz zufolge gibt es 46 Arten von Regenwürmern in Deutschland. Für die Fruchtbarmachung des Bodens sind sie unverzichtbar.
Foto: unbekannt/dpa

TÜBINGEN/PARIS. Während sich alle drei Finalisten des in Tübingen mitgegründeten »Prix Première« mit existenziellen Krisen auseinandersetzen, geht Gaspard Koenig das Thema in seinem Roman »Humus« gewissermaßen von der Wurzel her an. Übersetzt von Tobias Roth steigt Koenig in die Tiefen der Böden, wo Regenwürmer so unauffällig wie effektiv durch Verdauung und Wühltätigkeit fruchtbare Zustände herstellen. Klimawandel und Intensivlandwirtschaft jedoch gefährden das belebende Treiben unter der Oberfläche – mit potenziell fatalen Folgen für die Menschheit.

Porträt einer Generation

Es ist also das ganz Große, das Koenig im ganz Kleinen in den Blick nimmt. Er schildert es am Schicksal zweier Agrarstudenten, die sich just beim Vortrag eines hemdsärmeligen Veteranen der Regenwurmforschung kennenlernen. Fortan ist dies ihr Lebensthema, jedoch auf unterschiedliche Weise. Kevin, der aus der ländlichen Arbeiterschicht stammt, zieht es in die Großstadt; in Paris geht er mit einer ehrgeizigen Wirtschaftsstudentin daran, organische Abfälle im industriellen Maßstab durch Regenwurm-Reaktoren zu Humus zu verarbeiten. Arthur hingegen, großbürgerlich in Paris aufgewachsen, drängt es aufs Dorf. Auf einer vom Großvater vererbten Parzelle in der Normandie versucht er, die durch Intensivlandwirtschaft ruinierten Böden per Regenwurm-Ansiedlung zu sanieren. Zwei gegensätzliche Visionen, die die Freunde in Konflikt bringen – untereinander wie mit ihrem Umfeld.

Gaspard Koenig: »Humus«, Roman, gebunden, 26 Euro, 400 Seiten, Matthes & Seitz Verlag, Berlin.
Gaspard Koenig: »Humus«, Roman, gebunden, 26 Euro, 400 Seiten, Matthes & Seitz Verlag, Berlin. Foto: Matthes & Seitz Verlag
Gaspard Koenig: »Humus«, Roman, gebunden, 26 Euro, 400 Seiten, Matthes & Seitz Verlag, Berlin.
Foto: Matthes & Seitz Verlag

Koenig entwickelt den Handlungsbogen über satte 400 Seiten weg mit Ruhe und langem Atem. Er vermeidet das Spektakuläre, erzählt klar und anschaulich, jedoch mit bestechendem Blick für die Charaktere und die sozialen Situationen. Sein Roman ist nicht nur ein Buch über die Sünden der modernen Landwirtschaft, sondern auch das Porträt einer Generation, die versucht, sich den drängenden Problemen zu stellen, die Bewältigung der großen Krisen ganz praktisch anzupacken. Nebenbei porträtiert Koenig mit feinem Humor die Pariser Uni-Szene, das ländliche Aussteiger-Milieu in der Normandie und die Welt der Hochfinanzkapitalisten in San Francisco, denen Kevin und seine Partnerin Investitionsgelder abzuringen versuchen.

Kurzum: Im Spiegel der Bodenökologie tut sich bei Gaspard Koenig ein Blick auf die ganze Welt auf, treffsicher und scharfsinnig. Nebenbei lernt man eine Menge darüber, weshalb die Menschheit eines auf keinen Fall vernachlässigen sollte: die Regenwürmer. Über den Sieger unter den drei Finalisten entscheiden bis 20. Februar per Online-Vote die Leser. (GEA)