Logo
Aktuell Kultur vom Rande

Zukunftswünsche und Feiern im Jetzt

Die französische Gruppe Théâtre du Cristal bricht zum Festivalauftakt im franz.K das Eis.

Die Gruppe  Théâtre du Cristal brachte einen exzentrischen Tanzabend ins franz.K und schaffte es, die Besucher charmant zum Mitm
Die Gruppe Théâtre du Cristal brachte einen exzentrischen Tanzabend ins franz.K und schaffte es, die Besucher charmant zum Mitmachen zu bewegen. Foto: Christoph B. Ströhle
Die Gruppe Théâtre du Cristal brachte einen exzentrischen Tanzabend ins franz.K und schaffte es, die Besucher charmant zum Mitmachen zu bewegen.
Foto: Christoph B. Ströhle

REUTLINGEN. Das Bild einer ausgelassenen Tanzparty bot sich am Donnerstagabend im franz.K, wo das inklusive Festival Kultur vom Rande mit dem Auftritt der französischen Gruppe Théâtre du Cristal gleich zu Beginn mächtig Fahrt aufnahm. Das Publikum hielt es nicht lange auf den Stühlen, so charmant und energisch wurde es von den Gästen zum Mittanzen aufgefordert. Dabei war eine Polonaise nur der Anfang. Bald schon tanzten einander zuvor Unbekannte paarweise, in Vierergruppen oder hintereinander in mehreren Reihen.

1989 gegründet, produziert die Theatergruppe aus Éragny (unweit von Paris) Theaterstücke, die Schauspielerinnen und Schauspieler mit und ohne Behinderung in Frankreich und ganz Europa aufführen. Im in Reutlingen gezeigten exzentrischen Tanzabend »Cristal Pop, le bal poétique et populaire« in der Regie von Olivier Couder (in künstlerischer Zusammenarbeit mit Pierre-Jules Billon) ließen sie ein Ausflugslokal-Ambiente mit Tanzfläche und breitgefächertem Repertoire aufleben: Walzer, Rock, Cha-Cha-Cha, Disco oder Twist waren da geboten.

Crashkurs im Tarantella-Tanzen

Auch durch die frühere Jahrzehnte zitierenden Kostüme mit Glitzerlook, Rock’n’Roll-Lederjacke, verspieltem Swing-Kleid oder Fliege (verantwortlich: Philipe Varache) und Delphine Jungmans beschwingte Choreografien vermittelte all das den Eindruck einer »guten alten Zeit«. Nur dass diese gute alte Zeit – erinnerungswürdig später einmal – genau jetzt, in diesem Augenblick war. Mit unbeschwert einander begegnenden und fröhlich tanzenden Menschen auf der Bühne und im Saal zur mitreißend live gespielten und gesungenen Musik, garniert von Moderationen auf Französisch und Deutsch und Crashkursen im Madison-Linedance oder im Tarantella-Tanzen.

Eine unglaubliche Energie und eine ansteckende Fröhlichkeit gingen von den Gästen und ihrer auf Interaktion setzenden Show aus. Wobei in Liedern wie »Ya Raya«, auf Arabisch gesungen (über eine Reise ohne Wiederkehr), auch das Melancholisch-Seelenvolle seinen Platz hatte. Chubby Checkers »Let’s Twist Again« oder Bill Haleys »See You Later, Alligator« verbreiteten dagegen einfach nur gute Laune.

Bei der Polonaise zeigte sich allerdings, dass das franz.K auch seine Schwächen hat. Zwei Stufen im Raum auf der linken Seite waren für einen Tänzer mit Rollator nur schwer zu überwinden. Auf der rechten Seite bestand das Problem wegen der angebrachten Rampe nicht.

Gebärdendolmetscherin dabei

Um Barrieren, Vorurteile und fehlende Beteiligung von Menschen mit Behinderung war es zuvor in einer bunten Fragerunde auf der Bühne gegangen. Vertreterinnen und Vertreter aus Kultur und Stadtgesellschaft wurden, von einer Gebärdendolmetscherin übersetzt, nach ihren Perspektiven und Visionen von inklusiver Kultur befragt. Dabei kam etwa der Wunsch zur Sprache, dass ein Probenraum für Bands im Haus der Jugend so gestaltet ist, dass ihn auch Rollstuhlfahrer erreichen können. Sonst bleibe der inklusive Ansatz auf halber Strecke stecken.

Artikuliert wurde auch der Wunsch, dass nicht über die Köpfe von Menschen, für die Angebote ersonnen werden, entschieden wird, sondern mit ihnen. Generell sei darauf zu achten, dass Begegnung und Teilhabe auf Augenhöhe stattfinden kann. Toiletten sollten grundsätzlich für alle zugänglich sein, war zudem zu hören, nicht nur eigens ausgewiesene Behindertentoiletten, mit denen eine gewisse Stigmatisierung verbunden sei.

Wegen Gewitterwarnung verlegt worden

Mit einem packenden musikalisch-rhythmischen Trommelspektakel hatten die Beatstomper aus Bad Urach den Abend im franz.K eröffnet. Wegen einer Gewitterwarnung war der Festivalstart frühzeitig vom Echaz-Hafen dorthin verlegt worden. Reutlingens Erster Bürgermeister Robert Hahn erinnerte in seinem Grußwort daran, dass das Festival bereits zum achten Mal stattfindet. Man habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch das Festival gesehen, »dass die inklusive Kultur Teil der Stadt ist, zur Stadt gehört und auch in die Stadt gehört«.

Er lobte die bunte und vielseitige Programmmischung auch in diesem Jahr. Schön sei nicht zuletzt, »dass man den Darbietungen in der ganzen Stadt begegnen kann«.

Bis Sonntag, 26. Juni, ist bei Kultur vom Rande noch Programm geboten – am Samstag unter anderem auch an Marien- und Nikolaikirche und auf dem Marktplatz. (GEA)

 

www.kultur-vom-rande.de