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Aktuell Kleinkunst

Zu Gast im eigenen Kopf

Jan Philipp Zymny trat im Reutlinger franz.K auf

Jan Philipp Zymny hat ein Problem mit extrovertierten Menschen.
Jan Philipp Zymny hat ein Problem mit extrovertierten Menschen. FOTO: STRÖHLE
Jan Philipp Zymny hat ein Problem mit extrovertierten Menschen. FOTO: STRÖHLE

REUTLINGEN. Für seinen Auftritt beim 3sat-Festival (in der Mediathek abrufbar bis Oktober 2023) hat Jan Philipp Zymny sich in Schale geworfen. Schon im vergangenen Jahr präsentierte er dort Höhepunkte seines aktuellen Programms. Im Reutlinger Kulturzentrum franz.K verzichtet er auf das Sakko und lässt das auffallend junge Publikum im T-Shirt einen ganzen Abend lang teilhaben an »surREALITÄT«, einem wilden Mix aus Stand-Up, Kabarett, Poetry Slam und philosophischer Betrachtung.

Dafür, dass der gebürtige Wuppertaler, wie er sagt, im alltäglichen Umgang Angst vor Menschen hat, zumal extrovertierten, von denen er sich regelrecht überrannt fühlt, kommuniziert er zugewandt und auch souverän mit dem Publikum. Die Bühne scheint ihm das Lampenfieber, das ihn im Leben plagt, ein Stück weit zu nehmen. Und er geht offensiv mit seinen Schwächen um.

»Ich fühle mich die ganze Zeit wie zwölf«, sagt der im März 29 gewordene Kleinkünstler an einer Stelle. Das vergehe ihm allerdings immer dann, wenn er echten 12-Jährigen begegne. Dass ihn eine Supermarktkassiererin mit »mein Herr« aus seinem Tagtraum reißt, er andererseits aber seinen Personalausweis vorzeigen soll, um seine Volljährigkeit zu beweisen, irritiert ihn nachhaltig. Es bringt ihn dazu, sich auszumalen, wie es wohl ist, wenn man 30 ist.

Totstellreflex bei Spontankontakt

Dating gehe dann nicht mehr, mutmaßt er, man habe nur noch ernsthafte Beziehungen, müsse sich »Besteckgeschichten« oder Geschichten von Berlin-Rückkehrern über ihre gescheiterten Start-ups anhören. Oder die Eltern der Partnerin kennenlernen, wobei einem doch eigentlich die Bekanntschaft mit dem Hund in deren Haushalt genügen würde. Vom gesetzteren Publikum bekommt er auf Nachfrage keine eindeutige Antwort darauf, ob es jenseits der magischen Altersschwelle wirklich so ist. »In der Pause werdet ihr euch schon einigen«, gibt er den Zuschauerinnen und Zuschauern mit.

Er sieht sich zwischen zwei Welten gefangen, macht sich »entweder zu viele Gedanken oder nur Quatsch«. Meist schreibe er die Gedanken auf, um sie aus dem Kopf zu bekommen. Und eben auf die Bühne. Das Publikum, so ist zu merken, ist vertraut mit seiner Welt, reagiert auf viele seiner Anspielungen. Wenn er Sätze sagt wie »Ich bin in meinem Kopf auch nur zu Gast« und um Nachsicht für seine Gedankensprünge bittet, spürt man neben Lachen auch jede Menge Sympathie im Raum. Mit einem wie Jan Philipp Zymny, der sich nicht selten in einem von Kafkas Alpträumen wähnt und sich totstellt, wenn ihn auf der Straße jemand anspricht, kann man sich, so schräg das klingt, identifizieren. (GEA )