REUTLINGEN. In Berlin wird ein Haushalt aufgelöst, die Möbelpacker tragen Dinge davon. Da ist eine junge Frau, die sich umschaut in den Überbleibseln eines Lebens. Sie findet ein altes Grammophon, findet eine Schellack-Plattensammlung, legt eine der Platten auf, es knistert – und die Möbelpacker beginnen, zu singen. Die Geschichte wird lebendig: »Wochenend und Sonnenschein!«
»Ein Freund, ein guter…« ist ein »musikalischer Bilderbogen«, der 2013 von Karen Schultze, der damaligen Dramaturgin des Theaters Die Tonne, als Sommerstück entwickelt wurde. Nun ist das Stück zurück, zum ersten Mal hat die Tonne eines ihrer früheren Sommerstücke wieder in den Spielplan aufgenommen. Damals wie heute führte Irfan Kars die Regie. Jessica Schultheiß ist die junge Frau am Grammophon. Sie spielt Greta, die die Comedian Harmonists begleitet, ist Journalistin oder manch andere Dame, die die Sänger anhimmelte, und war als einzige vor zwölf Jahren schon mit dabei. Harry Frommermann, dritter Tenor, wird von David Krahl, Robert Biberti, der einzig taugliche Sänger, der sich auf seine Annonce meldete, von Jonas Breitstadt gespielt.
Sechs Sänger und eine Nachbarin
Das ehemalige Sommerstück nimmt sich viel Zeit zu erzählen, auf anregende, schwungvolle Weise. Allein schon jene Szene ist köstlich, in der Frommermann händeringend nach Sängern sucht und dieselben Schauspieler, die später die Comedian Harmonists mit so schönen Stimmen auferstehen lassen, die krächzenden Bewerber geben. Frommermann und Biberti wollen Eleganz und Lässigkeit nach dem Vorbild der US-Gesangsgruppe The Revelers. Gemeinsam mit Ari Leschnikoff (Samuel Meister), Erich A. Collin (Magnus Pflüger), Roman Cycowski (David Liske) und Erwin Bootz (Franz Meinhof) lassen sie ihren Traum wahr werden. Sie proben bis spät in die Nacht, und ihre freundliche Nachbarin – Jessica Schultheiß wiederum – ist erst erschreckt und dann entzückt.
Catrin Brendel hat den Reutlinger Comedian Harmonists eine kreisrunde Bühne gebaut, die zur einen Seite hin viel Freiraum lässt, zur andern in eine Treppe mündet, die in weitem Schwung zu einer Galerie emporführt – dort stehen die Sänger und winken dem Publikum zu auf ihrer Reise um die Welt. Den Boden der Bühne bildet eine große Schellackplatte – zuletzt, als die Geschichte der Harmonists in die Vergangenheit zurücksinkt, nur ihre aufgenommenen Stimmen bleiben, beginnt sie, sich zu drehen.
Kathrin Röhm als Schneiderin hat jeden der Sänger individuell eingekleidet, trägt dazu bei, die jeweilige Persönlichkeit herauszustellen. Über der Galerie Bilder, Originale, Zwischentitel, in Fraktur. Eine Stimme, so blechern als käme sie aus einem alten Rundfunkempfänger, sagt die Stationen der Reise an. Das Ensemble unter der musikalischen Leitung von Ulrike Haerter singt nach Originalarrangements der Comedian Harmonists, singt mit Raffinesse, Schmelz, Lebensfreude und Gefühl zehn Titel – auch »Ein kleiner grüner Kaktus«.
Plötzlich entartet
Die Wende kommt sekundenschnell mit Schock: Zu beiden Seiten der Bühne flattern plötzlich rote Banner, ein gedämpfter, aber spürbarer Knall füllt den Saal, alles ist anders. Die Comedian Harmonists gelten plötzlich als entartet, die Theater sagen ab, eine Dame tritt vor einem ihrer Konzerte auf und fordert alle »braven Deutschen« auf, den Saal zu verlassen. Und die Sänger streiten: Drei von ihnen sind jüdischer Abstammung, müssen das Land verlassen, aber alle wollen weitermachen. Schließlich trennen sie sich – und jeder von ihnen erzählt seinen Rest der Geschichte, im Frack oder den Reisekoffer in der Hand.
Leschnikoff, Biberti und Bootz traten weiterhin in Deutschland auf, als »Meistersextett«, Collin, Cycowski und Frommermann im Ausland als Comedy Harmonists. Beide Gruppen lösten sich vor Kriegsende auf. Im Jahr 2025 ist die Geschichte der Comedian Harmonists von hinreißender Nostalgie und zugleich ein erschreckendes Beispiel für den Zerfall der Kultur unter einer reaktionären Ideologie. Über der Galerie in der Tonne leuchten nun Bilder der realen Comedian Harmonists und ihre Lebensdaten. Roman Cycowksi als letzter von ihnen starb 1998 in Kalifornien. Das Klavier erklingt, das Ensemble summt: »Irgendwo auf der Welt gibt's ein kleines bisschen Glück.« (GEA)


