SCHWÄBISCH HALL. Seit über 40 Jahren gehören auf der steilen Treppe auf dem Haller Marktplatz Musicals zum Programm. Inzwischen ist die Qualität exzellent, die Atmosphäre ohnehin, wenn das Sommerwetter mitspielt, gehört die Freiluftbühne zu den schönsten der Republik. Für die neue Produktion »Hairspray« sind große »Seifenblasen« das einzige Bühnenbild, den Rest besorgen knallbunte Kostüme, die originelle Regie, ein elfköpfiges Orchester und ein Ensemble mit durchweg großartigen Stimmen.
Gegen jede Art von Diskriminierung
»Hairspray« spielt in den 1960ern, praktisch zur gleichen Zeit wie »Hair«. Es ist genauso bunt und rollt doch die amerikanische Problematik dieser Zeit, den Aufstand der Jugend gegen Rassismus und die konservativen Eltern, völlig anders auf. Statt Hippies sehen wir Highschool-Teens, die ihren Müttern das Leben schwer machen. Die übergewichtige Tracy schafft es mit ihrem Charme ins Fernsehen, gewinnt das Herz des Sonnyboys der Teenie-Show und sorgt trotz Nachsitzen und Knast dafür, dass ihre schwarzen Freunde nicht mehr separat auftreten müssen.
Entstanden ist das Musical nach dem gleichnamigen Film von »Trash-Papst« John Waters; Komponist Marc Shaiman hat fetzige Rock- und Soulnummern, Liebesmelodien im Elvis-Stil und ein süßes, fieses Duett für ein alterndes Ehepaar geschrieben. Tracys Vater verkauft Scherzartikel, ihre resolute Mutter betreibt eine Wäscherei. Diese Rolle ist mit einem Mann besetzt, der prolligen Familie steht die reiche, dünne und rassistische Giftspritze Velma von Tussle gegenüber. Das Musical mischt US-Klischees sehr lustig auf und überrascht mit deutlicher Haltung gegen Diskriminierung.
Haarspray als trojanisches Pferd
Leichtfüßig spielt Regisseur Christopher Tölle mit den exaltierten Figuren und dem schrägen Humor des Stücks. Gesungen wird großartig, ob Pop oder Soul. Das Ensemble ist hervorragend besetzt und wirbelt in fetzigen Choreografien von Tölle und Nigel Watson über die steilen Stufen, in Linien und Kreisen, in Duos und großen Formationen. Daniela Tweesmann bezaubert als moppelige, rebellische Teenagerin Tracy Turnblad; Andrea Matthias Pagani raunzt sie als ihre Mutter in Kittelschürze an. Lucca Kleimann macht als Teenie-Schwarm auf Elvis; mit Grandezza gibt Maaike Schuurmans den blonden Oberschichtsvampir.
Nachdem eine überdimensionale Haarspraydose als trojanisches Pferd ins Fernsehstudio geschmuggelt wurde, rockt eine mitreißende Finalnummer die laue Sommernacht. Bis Ende August wird auch noch Dürrenmatts »Der Besuch der alten Dame« auf der Treppe gespielt, im Globe-Theater gibt es »Der eingebildete Kranke« von Molière und Gastspiele. (GEA)

