TÜBINGEN. Wie frei sind wir wirklich? Wenn wir Partei A wählen und nicht B? Wenn wir Produkt X kaufen und nicht Y? Ob Populisten, Islamisten, Esoteriker, Marketingstrategen, ob Politiker, Pop-Labels, Werbebüros, Öko-Aktivisten oder Autolobby: Alle wollen sie uns ködern, uns ihre Sicht der Dinge einflößen, uns klammheimlich auf ihr Gleis setzen. Sind wir also noch Herr und Frau unseres Willens? Sind unsere Entscheidungen noch frei?
Das hat sich die Tübinger Choreografin Katja Büchtemann gefragt. Und ihren neuen Tanztheater-Abend »REDHOT – Ultra Deluxe« in die Form eines Videospiels gepackt. Weil in Videospielen genau dieser Sachverhalt Prinzip ist: Der Spieler soll sich fühlen, als habe er die freie Wahl. Tatsächlich jedoch ist es Aufgabe der Programmierer, die Nutzer bei ihrem Tun unmerklich zu lenken.

Die Idee, das Dilemma von freier Entscheidung und Manipulation anhand der Videospielwelt durchzuexerzieren, kam nicht von ungefähr. Büchtemanns Sohn Elian studiert Game Design in München, ist mithin Experte für das unmerkliche Manipulieren der Nutzer. Und deshalb nun Teil des Projektteams.
Tänzer als Avatare
Auf der Bühne stehen ein Tänzer und eine Tänzerin: der Koreaner Seung Hwan Lee und die Stuttgarterin Selina Koch. Sie verkörpern zwei Videospiel-Avatare, und wie im richtigen Computerspiel müssen sie erst einmal über drei Levels hinweg Aufgaben bewältigen. Im ersten Level gilt es, elementare Bewegungen zu erlernen – so, als müsse der unsichtbare Spieler, der sie steuert, erst noch mit der Tastatur zurechtkommen. Im zweiten Level beginnen die Avatare, mit Objekten zu interagieren. Im dritten geht es um Kampf, Sieg, Niederlage – und den videospieltypischen Zyklus von Tod und Wiederkehr einer Spielfigur. Man kann ja beliebig oft neu starten.
Bis dahin sitzt das Publikum wie in einer herkömmlichen Aufführung. Dann jedoch öffnet sich der Vorhang und Tänzer wie Publikum gelangen in eine Welt jenseits des eng umgrenzten Videospiels, in den »Open Space«. Plötzlich sind die Zuschauer Mitspieler; mit KI-Stimme im Ohr finden sie sich in einem weiten Raum voll lustiger Spielstationen wieder. Eine Runde Twister spielen? Sein Gesicht auf dem Kopierer ablichten? Ein Bürostuhl-Wettrennen absolvieren? Oder lieber Papierflieger falten? Eine Viertelstunde lang hat der Besucher die Wahl – stets auch die, ob er den Ratschlägen der KI in seinem Ohr folgt oder seinem eigenen Kopf. Auch hier das Thema: frei oder manipuliert?
»Stanley Parable« als Modell
Dass in diesem Parcours immer wieder Bürogegenstände auftauchen – ein Schreibtischsessel, Schreibmaschinen, Kopierer –, ist kein Zufall. Choreografin Büchtemann und Game-Spezialist Elian Büchtemann haben sich an einem konkreten Videospiel orientiert: »The Stanley Parable«, in dem ein Büroangestellter namens Stanley eines morgens an seinem Arbeitsplatz keinerlei Kollegen und Aufträge mehr vorfindet – und nun plötzlich selbst entscheiden muss, was zu tun ist.
Die beiden Tänzer sind ebenfalls unterwegs in dieser Spielphase. Die in eine doppelte Solo-Performance der beiden mündet – jeder in seiner Ecke der Halle, sie rockig tanzend, er chillig, jeder mit seinem Publikum. Zwei Tänzer, zwei Zonen, zwei Temperamente. Und am Ende die Konfrontation beider Welten. Wird es eine aggressive sein? Was folgt aus ihr? Man wird sehen!
Welten mit anderen Regeln
Tänzer Seung Hwan Lee erzählt, er habe in seiner Jugend viele Videospiele gespielt. Vor allem actionreiche: Er habe es genossen, in die Rolle des Helden zu schlüpfen, der Monster besiegt und seine Fertigkeiten immer weiter steigert. Selina Koch hingegen winkt ab: Nur ein bisschen »Sims« habe sie als Kind gespielt, ein Spiel, bei dem man eine virtuelle Familie gründet. Sie findet aber die Idee spannend, durch Videospiele in Welten einzutauchen, die über ganz andere Regeln und Normen verfügen als im Alltag.
Aufführungsinfo
Die Tanz-Game-Performance »REDHOT – Ultra Deluxe« ist am Freitag, 14. November, und am Samstag, 15. November, jeweils um 20 Uhr in der Shedhalle Tübingen, Schlachthausstraße 13, zu erleben. Zu beachten ist, dass die Shedhalle zwar barrierefrei ist, aber über keine Toiletten und keine Heizung verfügt. (GEA)
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Jeder der beiden Teile wird ungefähr eine halbe Stunde dauern, schätzt Büchtemann. Tänzer und Zuschauer werden durch Licht- und Soundeffekte durch das »Spiel« geleitet. Weshalb die Lichtsteuerung von Benedict Bleidt und das Sounddesign von Komponist Achim Bornhöft zentral sind. Als Dramaturgin ist zudem Natalie Broschat mit im Team. Gefördert wird die Produktion von der Landesanstalt für freie Theater LAFT und der Stadt Tübingen. Zunächst sind zwei Aufführungen am 14. und 15. November geplant; ob es weitere Termine geben wird, ist ungewiss. (GEA)



