BALINGEN. Die Metalfans sind zurück in Balingen. Eine Männergruppe aus Ansbach campiert auf dem Parkplatz der Firma Mey Generalbau, der für das Wochende zum Festivalcamping umfunktioniert. Eine Zapfanlage für Fassbier haben sie mitgebracht. Seit 2010 waren sie in Balingen beim Vorgängerfestival »Bang your Head«.
Über zwei Dekaden lang war Balingen der »Holy Ground« des Heavy Metal – wie es auf den T-Shirts der Fans hieß.Über 20.000 Kuttenträger pilgerten jährlich aus ganz Deutschland zum Bang-Your-Head-Festival. Das letzte dieser Festivals war 2019, vor der Corona-Pandemie. 2023 musste der von seiner Krankheit bereits gezeichnete langjährige Macher Horst Franz das Festival absagen. Ein Jahr später starb er. »Ich habe zu lange alles alleine gemacht und hätte mehr Leute mit ins Boot holen müssen«, erkannte Franz in seinem letzten Interview mit dem GEA. Da war es bereits zu spät. Die Zeit des Holy Ground in Balingen schien vorbei. Doch die 500 Mitglieder des Balinger Rockvereins wollten das hinnehmen. Aus dem Verein heraus gründeten sie eine GmbH, um sich ihr Festival zurückzuholen.
»Die Toiletten und warmen Duschen sind besser als früher«
Von der Neuauflage sind ist die Ansbacher Camper begeistert: »Die Toiletten und warmen Duschen sind besser als früher«, meint Alex, der bei der Sparkasse arbeitet. Nebenan campiert Karl, ein Ingenieur aus Bayern. Er ist mit seinem Wohnmobil vom Chiemsee gekommen, auch er ein Veteran: »Hoffentlich bleibt das Festival so klein und familiär wie in diesem Jahr. Das gefällt mit fast besser als vorher. Von mir aus muss es nicht wachsen, aber das ist sicher unrealistisch.« Ein Hingucker auf dem Campingplatz ist ein schwarz lackierter Caravan mit Heidenheimer Nummerschild. Hinten auf dem Fahrradständer ist ein Skelett befestigt.
Carolin, im Hauptberuf Grundschullehrerin, ist aus Berlin gekommen. Nicht wegen der Bands, die dieses Jahr spielen, wie sie betont, sondern weil man das Festival unterstützen müsse, damit es wachsen und wieder größere Bands holen könne. Aber es seien über die Jahre so viele Freundschaften entstanden, dass es einfach weitergehen müsse.
Ray fällt in der Masse der Metalfans auf, weil er eine Halskette mit Dutzenden von Gitarrenplektrons trägt. Hat er die alle aus der Menge heraus gefangen? »Nein, ich habe einen kleinen Vorteil: Ich fahre die Tourbusse und habe gerade Herman Frank aus Hannover hergefahren. Als er meine Kette gesehen hat, hat er gefragt, ob ich von ihm auch schon eines habe und mir dann ein Plättchen geschenkt«, schmunzelt er.
Neuer Festivalmacher ist Alexander Bartsch. Er ist im Versicherungsmakler und zweiter Vorsitzender des Balinger Rockvereins. Das neue Festival soll keine Neuauflage von Bang your Head, sondern eigenes Festival sein. Das Gelände ist zugelassen aktuell für 5.000 Zuschauer, die wohl nicht ganz erreicht wurden. Es ist auch keine One-Man-Show sondern Teamwork. Knapp 300 ehrenamtliche Helfer konnte der Rockverein für das Festival gewinnen, betreibt viele Essensstände selbst.
Nachdem es im letzten Jahr eine erste Auflage als Eintages-Festival gab, war das RVBang – RV steht für Rockverein – war das Festival vom vergangenen Donnerstag bis Samstag erstmals drei Tage und mit Festivalcamping auf dem Parkplatz einer benachbarten Firma.
»Von mir aus muss das Festival nicht wachsen, aber das ist unrealistisch«
Neben internationalen Bands wie Dragonforce aus London und der schweizerisch-niederländischen Frauenband Burning Witches, deutschen Metal-Legenden wie Destruction, The New Roses und Grave Digger spielten auch fünf Bands aus der Region, die Mitglied im Rockverein sind.
Das neue Festival ist inklusiv. Kinder die die laute Musik mit Ohrenschützern dämpfen, um keinen Hörschaden zu bekommen laufen zu Dutzenden über das Gelände. Großen Applaus gibt es, als ein Rollstuhlfahrer auf einen breiten Kuttenträger gestützt, die Karaoke-Bühne betritt um dort den Titelsong von »Ghostbusters« zu performen. Die Gemeinschaft der Metalfans feiert vor allem auch sich selbst. Im nächsten Jahr soll das Festival wieder stattfinden. Die Zusagen von Musikern wie Michael Schenker liegen Bartsch bereits vor. (GEA)




