BERLIN. In zehn von zwölf Filmen, die Wes Anderson (56) zwischen 1996 und 2025 drehte, war er dabei: Bill Murray (74), der so eine Art Maskottchen für den Kultregisseur geworden ist. Deshalb wundert es auch nicht, dass der Star aus Filmen wie »Und täglich grüßt das Murmeltier« und »Ghostbusters« mit am Tisch sitzt, als wir Anderson zum Interview in Berlin treffen. Anlass ist natürlich der neue Film »Der phönizische Meisterstreich«, der kürzlich auf dem Filmfestival Cannes vorgestellt wurde. Gedreht wurde er komplett im Studio Babelsberg bei Berlin. GEA: Zurück in Berlin! Fühlt sich das schon wie ein zweites Zuhause an?
Wes Anderson: Ich war jetzt schon so oft in Berlin und liebe es, hierherzukommen. Hier habe ich zwei Spielfilme gedreht und war mit mindestens drei Filmen auf der Berlinale. Ja, ich habe sogar zwei Fernsehwerbespots im Studio Babelsberg gedreht.
Haben Sie einen Lieblingsort in unserer Hauptstadt?
Anderson: Da gibt es eine ganze Liste mit Lieblingsrestaurants in Berlin, aber die verrate ich Ihnen natürlich nicht. Meistens aber konzentriere ich mich auf meine Arbeit. Ich habe auch meine geheimen Lieblingsgeschäfte in Berlin. Bill, gehen wir später da vielleicht noch hin?
Bill Murray: Wenn ich in Berlin bin, besuche ich gern die Parks. Als ich hier »Monuments Men« drehte, landete ich nachts in einem Park, weil ich hörte, dass es dort Wildschweine geben soll. In New York City haben wir nur wilde Menschen, aber keine Wildschweine.
Sind Sie einem Wildschwein begegnet?
Murray: Mir reichte die Vorstellung, einem ausweichen zu müssen. Ich fand das aufregend, es gab mir das Gefühl, auf neuem Territorium zu sein. Der Wilde Westen Deutschlands.
Mr. Anderson, Bill Murray war in zehn Ihrer bisher zwölf Filme dabei. Wie würden Sie Ihre Beziehung zueinander beschreiben?
Anderson: Bevor meine Tochter geboren wurde, betrachtete ich ihn als meinen Sohn. Das hat sich mit der Zeit geändert. Als er für mich das erste Mal in »Rushmore« auftrat, nahm er keine väterliche Haltung ein, vielmehr übernahm er die Rolle eines Kollegen, der uns sanft führte.
Murray: So habe ich mich nützlich gemacht, jetzt bin ich nicht mehr wegzudenken. Vielleicht war ich anfangs doch so etwas wie eine Vaterfigur, nun aber bin ich der Großvater, der nicht mehr diese Führung und Verantwortung übernehmen muss. Das genieße ich.
In »Der phönizische Meisterstreich« haben Sie nur eine kleine Rolle, aber Sie spielen Gott. Was kann danach noch kommen?
Murray: Vermutlich nur noch ein gefallener Engel. Ich glaube, da will ich hin. Ich habe den Höhepunkt erreicht, und jetzt geht es wieder zurück auf den Boden.
Anderson: Du bist nicht als Bösewicht bekannt. Hast du jemals einen gespielt?
Murray: Erst kürzlich in der Gangsterkomödie »Riff Raff«: einen Kerl, der sogar Kinder umbringen würde, wenn es nötig wäre. In »Die Geister, die ich rief …« spielte ich Scrooge, angelehnt an Charles Dickens’ »Eine Weihnachtsgeschichte« – mein absoluter Lieblingsschurke.
In »Der phönizische Meisterstreich« ist Benicio del Toro der schurkische Mogul auf einer Reise zum besseren Menschen. Was inspirierte Sie dazu, Mr. Anderson?
Anderson: Alles begann mit seinem Ziel, große Bauten in einem Staat namens Phönizien entstehen zu lassen. Bis uns klar wurde, dass das mehr und mehr in den Hintergrund rücken muss. Seine familiäre Beziehung ist es schließlich, die ihn emotional verändert.
Ihre Frau stammt aus dem Libanon, in der Antike das Land der Phönizier. Welchen Einfluss hatte das auf die Geschichte?
Anderson: Tatsächlich haben wir den Film wegen meiner Frau in dieser Gegend angesiedelt. Das passierte aber spontan im Schreibprozess, weil ich mit meiner Familie seit 20 Jahren mit dem Libanon verbunden bin.
Ist diese Verbundenheit inzwischen größer als die zu Ihrer amerikanischen Heimat?
Anderson: Texas ist ein Teil meiner Identität. Dennoch glaube ich, dass man meine emotionale Verbindung zu Texas mit jener der Libanesen zu ihrem Land vergleichen kann, das durch Krieg zerrissen wurde. Es gibt so viel Leid, aber auch eine Widerstandsfähigkeit, und das alles kenne ich schon sehr lange.
Seit »Grand Budapest Hotel« arbeiten Sie mit dem Berliner Miniaturbauer Simon Weisse zusammen. Was macht ihn so besonders?
Anderson: Er ist sehr gut mit seinem Team, enthusiastisch und extrem fleißig – er ist einfach der Beste. Da hat sich eine persönliche Bindung aufgebaut. Er hat Dinge für uns hergestellt, an die wir anfangs gar nicht dachten. Genau diese Originalität brauchen wir.
Sie arbeiten gern immer wieder mit den gleichen Leuten zusammen. Was bedeutet Ihnen Ihre Filmfamilie?
Anderson: Sehr viel, denn oft ist Familie auch die Thematik meiner Filme. Insofern führt die Arbeit zu einem Wiedersehen. Ein Film ist ein gewaltiges Unterfangen, und ich brauche Leute, die die Arbeit ernst nehmen und trotzdem Spaß mit mir haben.
Auch diesmal spielen etliche Stars mit. Stehen die bei Ihnen Schlange, um mitmachen zu dürfen?
Anderson: Natürlich haben mir auch schon Leute abgesagt. Sie finden dann Ausreden. Ein Schauspieler, den ich nicht nennen werde, sagte einmal unverblümt, die Rolle liege ihm nicht. Auch Bill Murray fragte ich für meinen allerersten Film an und bekam ein Nein.
Murray: Du hast das Angebot an meinen Agenten geschickt, der es mir nie gegeben hat. Erst nachdem du »Durchgeknallt« abgedreht hattest, bekam ich es mit.
Anderson: Ja, Entschuldigung. Dafür hast du sofort für meinen nächsten Film »Rushmore« zugesagt, obwohl du nur das Drehbuch kanntest.
Warum hat Bill Murray dann Ihren vorletzten Film »Asteroid City« ausgelassen?
Murray: Eigentlich sollte ich dabei sein. Allerdings infizierte ich mich kurz vor meiner Ausreise aus England mit Covid. Der Drehplan war so eng und die Zeitpläne waren so knapp, dass ich in meiner fünftägigen Quarantäne nicht drehen konnte.
Anderson: Aber als es Bill besser ging, besuchte er uns am Set. Auch wenn seine Figur aus dem Film herausgeschnitten werden musste, haben wir eine Szene mit ihm gedreht. Sie ist auf Youtube zu sehen. (GEA)
»Der phönizische Meisterstreich« Seit 29. Mai in den Kinos

