TÜBINGEN. Wer hätte gedacht, dass die größten Rockhits der letzten Jahre aus der oberschwäbischen Provinz stammen? Rund 500 Besucher wurden am Samstagabend im ausverkauften Tübinger Sudhaus Zeuge von unglaublich abstrusen Geschichten, denn die in Rottweil gegründete Band Franz Mayer Experience präsentierte die großen Hits der Rockgeschichte in einer witzigen und kernigen Show im schwäbischen Original - genau so, wie sie, so die Behauptung, eigentlich gedacht waren.
Und so stehen Alex Köberlein (Gesang, Saxofon und Flöte), Ralf Trouillet (Bass und Gesang), Matze Reimann (Gitarre), Steff Hengstler (Keyboard) und Joo Aiple (Schlagzeug) auf der Sudhaus-Bühne und spielen all die Welthits, die in ihrer Lesart nur schlechte Übersetzungen des schwäbischen Originals sind. Wie etwa das eher betuliche »Papa Was A Rolling Stone« (Papa war ein rollender Stein), das im oberschwäbischen Original mit dem Titel »Dein Vaddr war n harda Hond« nicht nur richtig abgeht, sondern textlich auch viel mehr Sinn ergibt. Oder »Rebel Yell« von Billy Idol, das in der schwäbischen Originalversion »Rebellio em Stadion« heißt. Ebenfalls erzählt wird die Anekdote vom Namensgeber der Band, einem alten, verwirrten Bauern namens Franz Mayer, der den Traum vom Fliegen mit dem Tod bezahlt, weil er sich mit dem Ausruf »Jippie-ja-hee, Jippie-ja-hoo« einen Steinbruch hinabstürzt.
Ein wilder Ritt
Schräg auch die Story, wie damals alles im Proberaum des Bad Schussenrieder Gemeindehauses anfing, »mit einer Zigarrenkiste mit Besenstiel, in den drei Nägel für drei Töne eingeschlagen wurden, und einer einzigen Saite als Bass«. Alles, was eingängig ist, was die Hochkultur des guten Rock-Geschmacks bezeugt oder zum Abrocken taugt, wird schwäbisch verwurstet: Santanas »Black Magic Woman« (»Schwarze Hex«) ebenso wie »Paint It Black« von den Stones, »La Grange« von ZZ Top oder »Fresh« von Kool & the Gang. Nicht zu vergessen: Jethro Tulls »Locomotive Breath« in der Originalversion mit dem Titel »Hald dia Dampflok a«. Gespickt mit abgefahrenen Exkursen und witzigen Anmoderationen von Alex Köberlein ergibt das einen wilden Ritt, vergleichbar einer Traktorfahrt auf einem schwäbischen Acker.
Obwohl Alex Köberlein nicht mehr so gut auf den Beinen ist und im Laufe des zweieinhalbstündigen Konzerts zunehmend gebrechlich wirkt, zeigt er im Verbund mit seinen jüngeren Mitmusikern, dass er noch immer ein Publikum mitreißen kann – mit unverkennbarer Stimme, handgemachtem, schwäbisch-kantigem Rock und mit Texten, die so vielen aus der Seele sprechen. Richtig nostalgisch wird’s dann am Ende mit mehreren Schwoißfuaß-Klassikern wie »Der tägliche Wahn«, »Oinr isch emmer dr Arsch«, dem Ostrock-Schmachtfetzen »Am Fenster« von City und der berührenden Grachmusikoff-Ballade »Drägglacha Blues«.
Mitgealtertes Publikum
Schön, dass die Liebe zur Musik Alex Köberlein nochmal auf die Bühne zurückgetrieben hat. Mit der Mission, die Originalmusik aus dem schwäbischen Untergrund, die später zu Welthits wurde, als Original im rau-dialektischen Oberschwäbisch zu präsentieren. Im bestuhlten Sudhaussaal treffen die fünf Musiker der Franz Mayer Experience jedenfalls auf ein mitgealtertes Publikum, das damit keinerlei Verständigungsprobleme hat. (GEA)

