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Aktuell CD-Präsentation

Weltenbrand im Klang-Universum: Lyrik und Jazz im Tübinger Club Voltaire

Der Tübinger Club Voltaire war voll bei der CD-Präsentation des literarischen Projekts »Auf kleinen Planeten«.

Friedemann Dähn, Bernd Settelmeyer, Carsten Netz und Sprecher Felix Muhle (von links) im Club Voltaire.
Friedemann Dähn, Bernd Settelmeyer, Carsten Netz und Sprecher Felix Muhle (von links) im Club Voltaire. Foto: Jürgen Spieß
Friedemann Dähn, Bernd Settelmeyer, Carsten Netz und Sprecher Felix Muhle (von links) im Club Voltaire.
Foto: Jürgen Spieß

TÜBINGEN. Wer ist Christian Wagner und wie sollte das zusammengehen? Auf der einen Seite Texte eines vor fast 200 Jahren geborenen Dichters, Bauern, radikalen Ethikers und Vordenkers des Natur- und Tierschutzes aus Warmbronn. Auf der anderen Friedemann Dähn (Cello), Carsten Netz (Saxofon, Flöte, Klarinette) und Bernd Settelmeyer (Schlagwerk), drei Grenzgänger zwischen U- und E-Musik, die sich im Spannungsfeld von Jazz und Avantgarde bewegen.

Während Felix Muhle am Freitagabend im Tübinger Club Voltaire Prosa und Gedichte von Christian Wagner (1835-1918) vorträgt, werden die rezitierten Texte durch experimentelle Improvisationen ergänzt, die als raumbildende Klangskulpturen konzipiert sind. Natürlich hat das wenig miteinander zu tun und weist kaum gemeinsame Berührungspunkte auf. Doch das Experiment funktioniert, denn Felix Muhle und die drei Musiker zeigen bei ihrer visionären Gedankenreise, dass differenzierte Grooves und perkussive Drum 'n' Bass-Rhythmen gut mit der utopischen Prosa Wagners von entstehenden und untergehenden Planeten harmonieren.

Exotisches Schlagwerk

Ganz leise geht es los und entwickelt sich zu einem dichten Labyrinth von sphärischen Klangflächen. Während Dähn sein Cello häufig zum Perkussionsinstrument umfunktioniert und als furioser Improvisator überzeugt, ist Saxofonist Carsten Netz für die jazzigen Impulse zuständig. Bernd Settelmeyer hingegen malträtiert sein Drumset nicht nur mit Stöcken, er benutzt auch seine Ellbogen, verschiedene Kuhglocken und anderes exotisches Schlagwerk, um Klänge zu wahren Kaskaden zu variieren. Dann wieder bearbeitet er ein metallisches Waterphone mit einem Streichbogen oder schlägt im Sitzen auf eine afrikanische Trommel.

Knappe Kürzel, freie Improvisation, polyfoner Jazz und orientalische Klänge sind hier nur einige Schlagworte. Dies alles formen die drei Musik-Anarchisten zu einem Sound, der die Texte Wagners über menschenähnliche Wesen, faustgroße Diamanten und glitzernde Städte auf dem Mars, über apokalyptische Zukunftsszenarien einer zerstörten Erde (»Weltenbrand«) oder über eine Naturphilosophie der »Schonung alles Lebendigen« kongenial ergänzt.

Für Freunde des Ungewöhnlichen

Von Stück zu Stück wird klarer: Es geht bei dieser Präsentation des Albums »Auf kleinen Planeten« gar nicht so sehr um die Verschmelzung von Lyrik und Jazz, sondern um Anreicherung. Musikfreunde, die das Ungewöhnliche lieben, kommen bei dieser 70-minütigen Performance jedenfalls voll auf ihre Kosten. (GEA)