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Weihnachten mal anders: Der Thalbach-Clan zeigt in Stuttgart, wie es geht

Besinnlich, schräg und manchmal makaber: Drei Generationen der Familie Thalbach zeigten im Stuttgarter Theaterhaus, dass Weihnachten weit mehr sein kann als Kerzenschein und Andacht. Mit Dialekt, Humor und überraschenden Brüchen führten sie das Publikum durch ein Festtagsprogramm voller Gegensätze.

Katharina Thalbach (Mitte) las mit Tochter Anna (links) und Enkelin Nellie Weihnachtsgeschichten im Stuttgarter Theaterhaus.
Katharina Thalbach (Mitte) las mit Tochter Anna (links) und Enkelin Nellie Weihnachtsgeschichten im Stuttgarter Theaterhaus. Foto: Ifigenia Stogios
Katharina Thalbach (Mitte) las mit Tochter Anna (links) und Enkelin Nellie Weihnachtsgeschichten im Stuttgarter Theaterhaus.
Foto: Ifigenia Stogios

STUTTGART. Weihnachten naht und besinnliche Stimmung ist angesagt. Doch es geht auch anders. Das bewiesen die Thalbachs, indem sie das Publikum am Montagabend im Stuttgarter Theaterhaus nicht nur mit rein typisch weihnachtlichen Texten, sondern auch mit waghalsigen, witzigen und teils makabren Geschichten in Festtagsstimmung versetzten.

Rund 850 Menschen waren gekommen. Die Schauspielerinnen Katharina Thalbach, ihre Tochter Anna und ihre Enkelin Nellie gaben eine Lesung. Die Bühne war schlicht eingerichtet. Ein Tisch, drei Stühle, drei Lampen und daneben ein kleines Weihnachtsbäumchen sowie ein paar Geschenkpakete bildeten die Kulisse.

Weihnachtsgeschichte auf Berlinerisch

»Ich bin Nikolaus«, sagte Katharina Thalbach. Sie blickte zu ihrer Tochter: »Das ist Knecht Ruprecht.« Dann deutete sie auf ihre Enkelin: »Und sie ist das stark erkältete Christkind. Es hustet in unsere Texte rein, aber wir ertragen es, husten Sie einfach mit.« Anschließend führte die Schauspielerin die Zuschauer in das Programm ein. »Ich beginne mit der Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Aber nicht auf Schwäbisch, sondern auf Berlinerisch«, ergänzte sie, und noch ehe sie aussprechen konnte, applaudierte das Publikum begeistert. Als sie beschrieb, wie Jesus als Neugeborenes zu erkennen war, »det da in so olle Putzlappen jewickelt ist und in dem Stall in so einer ollen Krippe liegt«, brach breites Gelächter im Publikum aus.

Die heitere Stimmung schwenkte plötzlich um, als Enkelin Nellie mit der rührenden Erzählung »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« weitermachte. Das bekannte Märchen handelt von einem armen Mädchen, das barfuß in der Kälte erfriert. Doch ganz schnell wurde es wieder witzig und wortwörtlich »hundsgemein«. Katharina Thalbach las die Geschichte des »Weihnachtsdackels« so lebhaft vor, dass sie die Zuhörer in ihren Bann zog. Protagonist war ein schwieriger Hund, der den Weihnachtsbaum anpinkelt und im Laufe des Abends dafür sorgt, dass sich eine Familie heftig streitet und auseinandergeht. »Die Eheleute nagten sich seelisch ab bis auf die Knochen«, fasste ein Satz die miese Lage zusammen. Katharina Thalbach überzeugte mit ihrer Stimme und mit dem, was sie damit anstellen kann: Sie röhrte, krächzte und bellte. Schloss man die Augen, kam es einem wirklich so vor, als ob sich ein giftiger Hund im Theatersaal aufhalten würde.

Kindheitserinnerungen und zarte Liebesgeschichte

Das Positive an dem Bühnenprogramm war, dass es unvorhersehbar war. Die Geschichten waren kurz, spannend und abwechslungsreich. Dadurch konnten die Zuschauer nicht erraten, was als Nächstes vorgelesen werden würde und wie sich das auf die Stimmung auswirken würde. Eine angenehme Überraschung war noch ein Auszug aus den Kindheitserinnerungen von Elke Heidenreich. Den las Anna Thalbach vor. Darin ging es um die Mutter Heidenreichs. Sie konnte mit Weihnachten so gar nichts anfangen. Die Tochter bastelte trotzdem ein Geschenk für sie und wurde am Ende dann doch belohnt.

Ganz liebevoll trug Nellie Thalbach die zarte Liebesgeschichte der beiden Schokoladenfiguren Gubor und Lindt von Keto von Waberer vor. Aus dem Weihnachtsprogramm durften außerdem Erich Kästners trauriges Gedicht »Morgen, Kinder, wird’s nichts geben«, die verzwickte Bescherung des Knaben Jeremy James oder Robert Gernhardts Satire »Die Falle« über einen Studenten, der sich als Weihnachtsmann verkleidet, nicht fehlen. Nach eineinhalb Stunden ging die Lesung zu Ende. Katharina Thalbach verabschiedete sich mit den Worten: »Wir lieben Stuttgart.« (GEA)