ADDIS ABEBA/REUTLINGEN. Er ist ein Weltenbummler, der Reutlinger Fotokünstler H. Klaus Kühn. Neben vielen anderen Kontinenten fasziniert ihn nicht zuletzt Afrika. Seit 15 Jahren ist er mehrmals im Jahr in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Anlass war zunächst sein Engagement im Reutlinger Verein Behindertenhilfe für Äthiopien, er ist dort Teil des Vorstandsteams. Der Verein unterstützt ein Zentrum für geistig behinderte Kinder in Addis Abeba. Kühn war deshalb oft vor Ort. Zudem gibt er Kurse an der Photographic Association of Addis Abeba. Und natürlich streift er selbst mit der Kamera durch die äthiopische Metropole, hält die Stadt und ihre Menschen fest. Vor zwei Jahren hatte er eine Einzelausstellung hier.
Facetten eines Stadtviertels
Zuletzt bahnte sich wieder ein größeres Ausstellungsprojekt an. Mit fünf Fotokünstlern aus Addis Abeba wollte er den Stadtteil Piassa porträtieren. Während anderswo die Wolkenkratzer und modernen Wohnblocks in die Höhe schießen, hat sich in Piassa viel von der italienischen Atmosphäre des frühen 20. Jahrhunderts erhalten: quirliges Leben mit Cafés, Läden und Werkstätten mit Gebäuden im italienischen Stil. Wenn Kühn in Addis Abeba ist, wohnt er im Viertel, fühlt sich wohl dort: »Ich bin gerne da, das sind tolle Menschen!« Die Fotografien zeigen auch das friedliche Zusammenleben von Menschen ganz unterschiedlicher Ethnien und Kulturen: Italiener, Griechen, Armenier waren hier früher ansässig, heute begegnen sich hier Menschen der verschiedenen Ethnien Äthiopiens.
Gezeigt werden sollten die Fotografien im Goethe-Institut, auch die deutsche Botschaft hat sich mit eingebracht. Unter dem Titel »Piassa - Day & Night« sollte die Schau das Tag- und Nachtleben des quirligen Quartiers porträtieren, mit Aufnahmen von Birhanu Manaye, Hilena Tafesse, Mikiyas Liyew, Ruth Takele, Hilina Tadesse und H. Klaus Kühn.
Aufmarsch der Abrissbagger
Doch dann kommt alles anders. Als Kühn wieder nach Addis Abeba kommt, sind Teile des Viertels bereits abgerissen. Die Behörden haben eine Sanierungskampagne aufgelegt. Ein Großteil des gewachsenen Piassa soll modernen Wohnblocks und Geschäftsbauten weichen. Gleichzeitig soll eine neue, breite Zufahrtsstraße in Richtung des Adwa-Nationalmuseums entstehen. Dort wird der Sieg König Menelik II. 1896 gegen die italienische Kolonialarmee gefeiert. Als eines von zwei Ländern Afrikas blieb Äthiopien unkolonisiert.
Die Kampagne zur Modernisierung des Piassa-Viertels erhitzt die Gemüter in Addis Abeba. In dieser Situation ordnen die Behörden an, dass die Ausstellung verschoben werden muss. Die Sicherheit sei nicht gewährleistet. Die Nachricht ereilt Kühn und seine Mitstreiter wenige Tage vor der geplanten Eröffnung am 26. April. Plakate und Postkarten sind bereits gedruckt. »Dem Botschafter und der Leiterin des Goethe-Instituts war das ganz arg«, erzählt Kühn. »Aber die konnten ja nichts dafür.« Offenbar ist den Behörden in Addis Abeba das Thema Piassa zu heiß geworden.
Versöhnung und Bürgerkrieg
Nun ist Äthiopien keine Diktatur und Addis Abeba gilt als vergleichsweise sichere Stadt. Ministerpräsident Abiy Ahmed, seit 2018 im Amt, eilt der Ruf eines Reformers voran. Ihm gelang die Aussöhnung mit Eritrea, was ihm den Friedensnobelpreis einbrachte. Von 2020 an war seine Regierung jedoch in einen blutigen Bürgerkrieg mit Separatisten in der Provinz Tigray verwickelt. Der ist Kühn zufolge inzwischen befriedet. Nun gibt es Konflikte zwischen den Volksgruppen der Oromo und Amhara. Presseverbände beklagen Einschränkungen der Berichterstattung über diese Konflikte. Abiys Partei, die EPRDF, inzwischen in Wohlstandspartei umbenannt, dominiert die Politik Äthiopiens seit 1991. Dennoch gilt Abiy Ahmed weiterhin als Hoffnungsträger in Afrika, auch wenn seine Beliebtheit bei der Bevölkerung bröckelt.
Dass es in Addis Abeba an Wohnraum mit zeitgemäßer sanitärer Ausstattung mangelt, ist unstrittig. Die Stadt ist nach europäischen Maßstäben jung. 1880 gab es hier im zentraläthiopischen Hochland noch gar nichts. König Menelik II. regierte von 1881 an von einem Feldlager auf dem nahegelegenen Berg Entoto aus. 1886 ließ seine Frau Taytu Betul das Lager in Abwesenheit ihres Mannes weiter ins Tal verlegen, wo es mehr Platz gab und weniger kalt war. Nach und nach entwickelten sich städtische Strukturen. In den 1930ern versuchte das faschistische Italien, das Land seinem Kolonialreich in Ostafrika einzuverleiben; zeitweise war Addis Abeba italienisch besetzt. Aus dieser Phase stammen viele italienische Einflüsse - auch das Piassa-Viertel zeugt von dieser Epoche.
Inoffizielle Hauptstadt Afrikas
Die italienischen Besatzer konnten sich nicht halten, und nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt einen enormen Entwicklungsschub, die durch ihre Lage auf fast 2.600 Metern ein recht gemäßigtes Klima hat. 1950 wurde die Universität gegründet, 1958 legte die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika ihren Sitz hierher, 1963 die Organisation für Afrikanische Einheit (seit 2002 Afrikanische Union, AU). Schnell galt die Metropole als inoffizielle Hauptstadt Afrikas. Wohl auch, weil Äthiopien als eines der wenigen Länder Afrikas 1896 die Kolonialisierungsversuche Europas zurückgeschlagen hatte. Das Adwa-Museum erinnert noch heute an diesen für das afrikanische Selbstbewusstsein wichtigen Sieg Meneliks II.
Mit dem rasanten Wachstum der Stadt hielt die Infrastruktur nicht mit. Während das Geschäftsviertel der Stadt mit seinen Wolkenkratzern geradezu futuristisch wirkt, sind andere Viertel nur mangelhaft mit Elektrizität, Kanalisation und Frischwasser versorgt. Die Sanierungskampagne in Piassa ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. »Addis ist stark im Umbruch«, bestätigt Kühn und ergänzt: »Der Altersdurchschnitt liegt dort bei unter 20 Jahren!«
Bewohner kurzfristig informiert
Tatsächlich hätten die Verantwortlichen einzelne erhaltenswerte Gebäude identifiziert, die dann vom Abriss ausgenommen wurden, bestätigt Kühn. Die Bewohner seien indes sehr kurzfristig informiert worden, nur wenige Wochen, bevor die Bagger anrückten. Sie hätten Ersatzwohnungen angeboten bekommen - jedoch teilweise weit entfernt und teilweise auch erst im Rohbau. Kühn hat mit der Kamera junge Menschen porträtiert, die fassungslos und ratlos auf einem Sofa inmitten eines Trümmerbergs sitzen, der einmal ihr Haus war.
Erschüttert ist Kühn über das Schicksal der Menschen; erschüttert ist er auch über den Untergang gewachsener Strukturen. Vor dem Abriss sei Piassa ein Viertel voller Leben und Atmosphäre gewesen. »Da konnte man an jeder Ecke Pizza essen oder im Café sitzen wie in Italien.« Im Übrigen habe Reutlingen in der Nachkriegszeit Ähnliches erlebt. Große Teile des Gerberviertels seien zugunsten des neuen Rathauses plattgemacht worden. Damals habe es geheißen: »Weg mit dem alten Glomb!« Heute betrauere man den Verlust des einzigartigen Viertels.
Neuer Anlauf im Herbst
Was wird nun aus dem Ausstellungsprojekt von Kühn und seinen fünf äthiopischen Kolleginnen und Kollegen? Der Reutlinger hofft, es später doch noch in Addis Abeba zeigen zu können, »wenn Gras über die Sache gewachsen ist«. Auf den Fotos gehe es gar nicht um den Abriss, sie dokumentierten lediglich das Leben im Viertel vor der Sanierung. Aber bereits das ist im Moment ein Politikum. Womöglich bereits im Herbst sieht Kühn eine Gelegenheit für einen neuen Anlauf: zur Verabschiedung der Leiterin des Goethe-Instituts. Später würde Kühn die Schau gerne auch in Deutschland zeigen. In Reutlingen hat er aber bisher noch keine geeignete Örtlichkeit gefunden.
Entmutigen lässt Kühn sich nicht. Und die Schwierigkeiten mit dem Ausstellungsprojekt in Addis Abeba kratzen nicht an seiner Begeisterung für Afrika. Man müsse eben Geduld haben. Insgesamt sei Afrika jedenfalls ein Kontinent, der mehr Potenzial habe, als viele glaubten. (GEA)






