REUTLINGEN. Kaum ist das neue Jahr angelaufen, beginnt die Sanierung der Orgel in der Reutlinger Marienkirche. Um noch einmal die beeindruckende klangliche Bandbreite des Instruments zu demonstrieren, hat Kantor Torsten Wille gemeinsam mit einer seiner Schülerinnen eine Orgelnacht veranstaltet, bei der verschiedenste Werke zu hören waren. Entgegen der ursprünglichen Planung dauerte die Nacht jedoch »nur« von 20 bis 23.30 Uhr.
Schon am Montag kommen die Orgelbauer und beginnen mit der Arbeit. Geplant ist, dass die Sanierung am 31. Oktober, also am Reformationstag, abgeschlossen ist und dann die neue vollständige Orgel erklingt. Insgesamt waren 880.000 Euro für die Sanierung angesetzt. Mittlerweile sind die Kosten auf über eine Million Euro angewachsen. Zwar konnten bis jetzt 875.000 Euro durch Spenden eingenommen werden, jedoch fehlen noch rund 200.000 Euro. Für das Projekt warb Torsten Wille vor dem Beginn der Orgelnacht. So gibt es die Möglichkeit, »Orgelpate« zu werden, also die Patenschaft für eine einzelne Pfeife oder ein Register zu übernehmen.
Monumentale Orgelmusik
Da die Orgel nach französischem Vorbild gebaut wurde, war der Abend von französischen Komponisten geprägt. Kantor Torsten Wille begann das Konzert mit der 5. Sinfonie des Franzosen Charles-Marie Widor und mit der Suite op. 5 von dessen Landsmann Maurice Duruflé. Mit einem spannungsgeladenen Prélude ging Duruflés Werk los, das sehr brachial wirkte, nur um im zweiten Satz von der verspielten und träumerischen Sicilienne abgelöst zu werden, die durch die geschickte Wahl der Register leicht und silbern klang. Mit der Toccata gab es einen Ausflug durch die Klangwelten mit grellen Akkorden und Stimmen, die sich einen Kampf zu liefern schienen und in einem lang gezogenen gespenstischen Akkord endeten.
Vorn in der Kirche war eine Leinwand aufgebaut, auf der die Zuschauer das Spiel des Organisten verfolgen konnten. Eine Kamera, die neben dem Spieltisch an der Orgel stand, übertrug das Geschehen von der Empore aus. So konnten die Besucher die Spielweise von Torsten Wille aus der Nähe beobachten. Mit den beiden großformatigen Werken sorgte er nicht nur für Hörgenuss, sondern auch für spürbare Begeisterung im Publikum. Gerade bei dem Stück von Widor, wenn sich in dem fünften Satz der Toccata alles entlädt, was eine Orgel zu bieten hat. Schnelle Figuren auf den Manualen, Doppelpedal und Akkordrepetitionen, die für ein klangliches Feuerwerk sorgen.
Gesang und Orgel
Der zweite Block war von Musik für Orgel und Gesang geprägt. Mitglieder der Marienkirchenkantorei gestalteten gemeinsam mit der Orgel mehrere Choräle. Zu hören waren Bachs »Wer nur den lieben Gott lässt walten« sowie »Schaff’s mit mir, Gott«, die in der Kirche besonders geschlossen und getragen wirkten. Einen stimmigen Abschluss bildete Felix Mendelssohn Bartholdys »Verleih uns Frieden«, das noch einmal zeigte, wie fein Chorgesang und Orgel miteinander harmonieren.
Den dritten Block gestaltete Yuka Suzuki-Winkler, mit einem bunten Programm, das von kleinen Bach-Präludien über einen quirligen Samba von Johannes Matthias Michel und Schostakowitschs berühmten 2. Walzer aus der Suite für Jazz-Orchester reichte. Anschließend lief der Stummfilm »I Do« (Vaterfreuden) aus dem Jahr 1921 mit Harold Lloyd auf der Leinwand, den Wille mit Orgelmusik untermalte und so dem Film eine persönliche Note verlieh.
Sanfte Stücke zum Abschluss
Wer bis 23 Uhr durchgehalten hatte, durfte sich über ein paar sanfte Stücke von Suzuki-Winkler freuen, die unter der Überschrift »Seelen-Balsam« standen. Mit der »Hymne à l'amour« von Edith Piaf endetet sie, und die Zuschauer wurden zum Schluss mit dem gemeinsamen Singen von »Der Mond ist aufgegangen« in die Nacht entlassen. (GEA)

