REUTLINGEN. Seit mehr als zwanzig Jahren kuratieren die Tübinger Musiker Fried Dähn und Thomas Maos »Sonic Visions«, eine Reihe audiovisueller Konzerte, die immer wieder überraschende Verbindungen von Klang, Bild und Performance präsentiert. Am Freitagabend haben Dähn und Maos zwei sehr unterschiedliche Projekte ins franz.K geladen – das interdisziplinäre Musiktheater von Stepha Schweiger und eine poetische Lesung von Jasmin Schädler und Joannie Baumgärtner, ein Gesang über die Flüchtigkeit des Gedächtnisses in Zeiten seiner Digitalisierung.
Der Abend beginnt auf der Probebühne des franz.K. Jasmin Schädler und Joannie Baumgärtners Gesichter sind grün geschminkt, sie tragen futuristische Kleidung, silbern oder matt, stehen an Laptops. Jasmin Schädler hat ein Smartphone in der Hand, wird mit ihm leuchtend durch den Raum fahren. Sie singt in weiten Hallräumen, umspielt von elektronischen Klängen. Nahezu sakral wirkt das, die Künstler scheinen Priester eines künftigen Kultes zu sein.
Priester eines künftigen Kultes
Zwischen ihnen ein großes Display, auf dem die Bilder, die Videos fallen, pausenlos, in mehreren Reihen – Bilder von Influencerinnen, von Menschen, die sich zeigen, im Netz, die sprechen, ohne dass ihnen jemand zuhört. Das Gewisper des Netzes wird von Beats und Sounds überlagert; Jasmin Schädler tritt vor das Display, presst sich daran, gleitet an ihm herab. Eingeladen von der Akademie Schloss Solitude beschäftigten sich Schädler und Baumgärtner mit jenen Momenten, in denen Menschen sich verlieren in der Zeit; im franz.K zeigen sie eine weiterentwickelte Version ihrer Performance.
Rund 30 Minuten dauert »Dancing on Oblivion«. Stepha Schweigers Musiktheater zu Katherine Mansfield nimmt die doppelte Zeit in Anspruch und ist mit 16 Darstellern, Musikern, Technikern die personenstärkste Performance, die bei »Sonic Visions« je stattfand. Wobei Schweiger als Komponistin, Regisseurin, Dramaturgin, Songwriterin die künstlerische Konzeption des Projektes nahezu vollständig alleine bewältigte.
Verschwiegene Gewalt
»The Woman at the Store« erzählt von einer Gruppe Männer, die sich durch eine Steppe Neuseelands bewegt, auf der Suche nach dem »Store«, einer Station, in der sie sich mit Proviant versorgen kann. Sie gelangen ans Ziel, treffen dort eine Frau an, die einstmals schön war, wie einer der Reisenden sich erinnert, nun harsch wirkt, wüst und zahnlos, fast gebrochen. Und auf ein Kind, das traumatisiert scheint, das Zeichnungen anfertigt, in denen sich schließlich das schreckliche Geheimnis des Ortes offenbart. Mansfields Text ist dicht und über weite Strecken abgefasst in einem Idiom Neuseelands, wo die Autorin geboren wurde. Im franz.K erlebt man diesen Text in deutscher Übertitelung. Anke Retzlaff, die die Frau spielt, ist Neuseeländerin, trifft den Ton genau.
»The Woman at the Store« behandelt sexuelle Gewalt, ohne sie explizit zu zeigen. Die minimalistische Musik des kleinen Ensembles LUX:NM pulst mit Akkordeon, Kontrabass, Posaune, Cello, Saxofon. Bühnenbild ist eine digitale Bildwand, die die Einöde entstehen lässt, die Station in der Weite des Landes, die Wildnis, den Sternenhimmel, in die die Schauspieler hineintreten, um zu Avataren zu werden.
Bilder einer dunklen Welt
Das Kind im Mittelpunkt der Geschichte wird von einem erwachsenen Mann gespielt, einem Tänzer, der die innere Zerrissenheit dieser Figur nach außen kehrt. Stepha Schweiger tritt selbst auf, singt ein Gedicht von Mansfield. »The Woman at the Store« erlebte sechs Wochen zuvor seine Uraufführung in Berlin, war nun zum ersten Mal an anderem Ort zu sehen und hinterließ in Reutlingen das Bild einer dunklen, archaischen Welt, musikalisch stark und rätselhaft in Szene gesetzt. (GEA)

