REUTLINGEN. Es gibt noch Solidarität unter den Menschen, zumindest wenn es sich dabei um Tatort-Kommissare handelt. Der eine, Mark Waschke, an der Seite von Corinna Harfouch in Berlin ermittelnd, hätte beim Musikalisch-literarischen Salon in Reutlingen lesen sollen, musste überraschend passen. Nachdreharbeiten, unaufschiebbar, wie Ute Kleeberg, mit ihrem Mann Uwe Stoffel Gründerin der Reihe, am Donnerstagabend im kleinen Saal der Stadthalle berichtete. Der andere, Wolfram Koch, als Paul Brix in Frankfurt auf Verbrecherjagd, sprang ohne viel Federlesens ein.
Der Abend wäre mit Waschke sicher ein Erlebnis gewesen; er wurde es auch mit Koch. Einen drahtig-durchtrainierten Herrn von 63 Jahren hat man da vor sich, der seine Person keine Spur in den Vordergrund rückt. Der stattdessen die Sprachbilder und Charaktere der Texte mit bewundernswerter Konturenschärfe ausleuchtet, Situationen und Persönlichkeiten unheimlich plastisch werden lässt.
Kraft der Fantasie
Zwei Gedichte von Rose Ausländer bilden die Klammer. 1901 in Czernowitz geboren, damals Teil der Donaumonarchie, heute in der Ukraine, verschlug es sie später nach Ungarn, in die USA, nach Österreich, Rumänien und nach dem Krieg nach Deutschland. Zwischendurch wurde sie als angebliche US-Spionin von der Roten Armee interniert, überlebte das Ghetto in Czernowitz. Ihr Gedicht »Hinter Wänden« würdigt die Kraft der Fantasie, noch hinter der dicksten Mauer ein Märchenland erstehen zu lassen. Das Gedicht am Ende beschwor seinerseits die Solidarität: »Vergesset nicht, Freunde, wir reisen gemeinsam«, heißt es da. Schon nötig, mal wieder daran zu erinnern, dass wir alle auf demselben Planeten durchs All rasen.
Um Gemeinschaft ging es in den Texten, und Gemeinschaft wurde gepflegt in ihnen, nachts im Bistro, beim gepflegten Nachmittagskaffee oder als Zwangsgemeinschaft im Hotelzimmer. Die Musik, die Uwe Stoffel dafür ausgesucht hatte, ließ das Gefühl von Kaffeehäusern, Salons und trauten Runden in den Saal strömen, jedoch auch Einsamkeit und Melancholie. Geigerin Nina Karmon und Pianistin Terhi Dostal spielten das hingebungsvoll, brachten die Stücke zum Schweben, loteten die heiteren Momente aus und gaben den dunklen Raum in Sätzen von Cécile Chaminade und Gabriel Fauré, Fritz Kreisler, Lera Auerbach, Agnes Tschetschulin und Benjamin Godard.
Im Straßenbahnwagon
So taucht man ein als Teil des gut gefüllten Saals in Ausländers versonnene Poesie. In Stefan Zweigs pointierte Erinnerung an die Kleinen und Schwachen der Weltgeschichte. In Jan Petersens Schilderung der Gemeinschaft in einem Berliner Straßenbahnwagon der 1920er-Jahre, die durch einen nur scheinbar angesäuselten Proleten aufgemischt wird. Bis wir mit Joseph Roth zum Teil einer nachmitternächtlichen Kneipenrunde werden, in der ein ehemaliger Kutscher und nunmehriger Chauffeur die Lage der Dinge auf den Punkt bringt.
Weiter zu jener merkwürdigen Begegnung bei Siegfried Lenz, bei dem zwei fremde Männer wegen kongressbedingter Bettenknappheit in einem nächtlichen Hotelzimmer zwangsvereinigt werden. Und zu Robert Walser, der uns zum Nachmittagskaffee ins Wohnzimmer der schönen Fabrikantengattin Frau Bähni führt, welche die Avancen und Drohungen ihres machtbewussten Gastes mit unnachahmlicher Klasse pariert. Ehe noch einmal Joseph Roth träumen darf in einem der ersten Freiluftkinos in der Arena zu Nîmes, wo der Sternenhimmel zum eigentlichen Spektakel wird. Das alles nimmt Gestalt an in den Köpfen im Saal, mischt sich elegant und voll zarter Atmosphäre mit der Musik. Und die Botschaft von der dringend gebotenen Gemeinschaft nimmt man gerne mit. (GEA)


