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Talent aus Reutlingen: Liv Solveig stellt im franz.K ihr zweites Album vor

Die aus Reutlingen stammende Liv Solveig stellt im franz.K ihr zweites Album »Slow Travels« vor

Songs voll landschaftlicher Weite präsentiert Liv Solveig im franz.K Reutlingen
Songs voll landschaftlicher Weite präsentiert Liv Solveig im franz.K. FOTO: TILLMANN
Songs voll landschaftlicher Weite präsentiert Liv Solveig im franz.K. FOTO: TILLMANN

REUTLINGEN/BERLIN. Endlich kommt Liv Solveig auch nach Reutlingen, um ihr aktuelles Album »Slow Travels« vorzustellen. Ein ambitioniertes Werk voll Folk-inspiriertem, orchestralem Indie-Pop, an dem sie Jahre gefeilt hat. Bereits im Frühjahr 2021 war es fertig, bei Konzerten in Berlin, Hamburg und Magdeburg hat die Berlinerin es bereits vorgestellt. Am 21. März kommt auch die alte Heimat dran.

Denn in Reutlingen ist die Sängerin, Songwriterin, Geigerin, Produzentin und elektronische Klangbastlerin als Liv Solveig Wagner aufgewachsen – als Tochter eines evangelischen Pfarrer-Ehepaars im Hohbuch. Über ein Geigenstudium, Karlsruhe, New York und noch mal Karlsruhe ging es schließlich nach Berlin. Wo es gebraucht hat, bis sie ankam, bis sie hineinfand ins Geflecht der Songwriter-Szene. Ihr ambitioniertes Album hat dabei fraglos geholfen, ein Statement, das den Hörer mit Klanglandschaften von rauer Größe und zärtlicher Intimität zugleich umfängt.

Inzwischen empfindet sie die Songwriter-Szene der Hauptstadt als Familie. Man helfe sich gegenseitig, oft sind ihre Dienste gefragt, als Studiogeigerin, als Background-Sängerin, als Sound-Tüftlerin und Produzentin. Im April begleitet sie Max Prosa auf Tour, im Mai ist sie mit Aline Cohen unterwegs; sie empfinde es als angenehm, immer wieder von der eigenen Musik zu Projekten zu wechseln, bei denen die Hauptverantwortung zur Abwechslung nicht bei ihr selber liegt.

Mit Gitarrist und Schlagzeuger

Am 21. März aber erst einmal der Abstecher mit ihrem eigenen Programm ins franz.K. Dass ihr Omikron dazwischenkommt, ist nicht zu erwarten, weil das Virus sie bereits vor nicht langer Zeit erwischt hat. Keine Lungenprobleme, immerhin, aber starke Kopfschmerzen, Mattigkeit, tagelang war sie außer Gefecht. Und nach zehn Tagen immer noch positiv. Inzwischen habe sie sich aber soweit erholt, sagt sie.

Sie kommt mit einem Gitarristen und einem Schlagzeuger, selber spielt sie Geige und E-Gitarre. Auf ihrer Platte türmen sich streckenweise noch die Klänge eines mehrfach geschichteten Streichquartetts, Blechbläser-Sounds und Elektronik. Ein Stück weit kehrt die Bühnenfassung von daher zum Kern der Lieder zurück: »Im Zentrum steht meine Stimme, stehen die Songs.« Dürr wird das Klangbild trotzdem kaum wirken: »Ich habe eine Loop-Station dabei, damit kann ich E-Gitarren-Klänge loopen und anschließend mit der Geige drüberspielen«, erklärt sie. E-Gitarre und Schlagzeug werden, wie schon auf der Platte, besonderes Gewicht haben. Einen tiefgründigen, komplexen Klang zu erzeugen, ist ihr auch in der Live-Version wichtig.

Das archaisch Raue und doch sehr Persönliche dieser Klangvisionen verdankt sich nicht zuletzt ihrer Leidenschaft für die Landschaft Norwegens – dem Land, zu dem sie familiäre Wurzeln hat. Zuletzt habe sie es nicht mehr dort hin geschafft, die Einreiseregeln seien während der Corona-Pandemie streng gewesen. Im Sommer wolle sie jedoch in Norwegen auftreten.

Ansonsten werde sie wohl viel in Berlin sein. Auch weil es für sie dort viel zu tun gibt. »Ich merke, dass es wieder anzieht.« Fast jede Woche gebe es neue Studioprojekte, für die eine Mitarbeit infrage kommt.

Die Spanne ist dabei groß. Ihre Geigendienste hat auch schon Annett Louisan in Anspruch genommen. Als Geigerin hat sie bereits mit der Indiepop-Gruppe Die höchste Eisenbahn gespielt. Die Band dürfte Fans des leider eingestellten Burning-Eagle-Festivals auf dem Reutlinger Listhof-Gelände noch bestens in Erinnerung sein, dort war sie bei einer Ausgabe der umjubelte Headliner.

Mit den Machern von Die höchste Eisenbahn ist sie noch an einem weiteren Album-Projekt beteiligt. »Wir haben innerhalb von zehn Tagen zehn Songs eingespielt, die alle innerhalb eines Tages arrangiert und aufgenommen wurden.« Als Sängerin und E-Gitarristin ist sie bei einem Projekt des Jazzschlagzeugers Tilo Weber dabei. Als Geigerin wiederum an einem Vorhaben des Jazzpianisten Samuel Jersak. Kein Zufall, hat sie doch auch eine ausgeprägte Affinität zum Jazz. Viele Kooperationen also, viele Netzwerke. »Das nimmt mir auch den Druck, immer nur an den eigenen Projekten zu arbeiten«, sagt sie.

Die verfolgt sie natürlich trotzdem weiter. Was erst einmal heißt, ihr wuchtiges Indiepop-Statement »Slow Travels« so richtig unter die Leute zu bringen. Gefreut hat sie, dass ihr dabei – ungewöhnlich für eine ausgesprochene Indie-Platte – auch das Radio eine Plattform bot, und zwar gerade im Südwesten. Der Sender SWR2 erklärte ihre Platte zum Album der Woche, spielte wiederholt Songs daraus. »Viele Leute haben sich bei mir gemeldet, nachdem sie das im Radio gehört haben.« Es sei ein gutes Gefühl, auch in der alten Heimat wahrgenommen zu werden.

Bereits neue Ideen

Sehr viel Zeit, neue Songs zu schreiben, ist zwischen all dem nicht. Aber Ideen schwirren ihr natürlich trotzdem schon durch den Kopf. Natürlich soll auch das nächste Album wieder klanglich opulent und zugleich sehr persönlich werden – aber auf ganz andere Weise. »Ich werde mir ein Klavier anschaffen!«, verkündet sie fröhlich. Und zwar ein herkömmliches mechanisches – obwohl sie doch inzwischen eine versierte elektronische Soundbastlerin ist.

»Ich bin mit einem echten Klavier großgeworden«, erklärt sie. »Meine Mutter war ja Klavierlehrerin.« Irgendwer habe in ihrer Kindheit immer auf einem richtigen mechanischen Klavier gespielt.

Zugleich habe sie das Gefühl, jeden Klang, den sie im Kopf habe, auf den Tasten spielen zu können. Ihr nächstes Album will sie daher am Klavier komponieren. Der Drang, das Atmosphärische und Orchestrale mit reinzubringen, sei weiter da, »das sollte aber auch mit einfacheren Mitteln gehen als bei der letzten Platte«.

Dass das trubelige Berlin nicht die optimale Umgebung ist, diesen neuen Klangschöpfungen nachzulauschen, ist ihr durchaus bewusst. »Mein Ziel ist es, eine einsame Hütte zu finden, wo ich ganz abgeschieden an meinen Songs schreiben kann.« Die Hütte könne in Norwegen liegen – oder vor den Toren Berlins. Doch das ist noch Zukunftsmusik. »Alles Schritt für Schritt. Alles zu seiner Zeit.« Jetzt erst mal das franz.K. (GEA)

 

Liv Solveig: 21. März, 20 Uhr, franz.K, Reutlingen