STUTTGART. »Wer?«, fragte sich damals die Ballettwelt, als im Januar 1999 kein weltweit bekannter Pädagoge, sondern ein eher unbeschriebenes Blatt die Leitung der renommierten Ballettschule des Stuttgarter Staatstheaters übernahm. Tadeusz Matacz war Solist am Badischen Staatstheater, danach arbeitete der Pole als freier Ballettmeister, auch immer wieder mal in Stuttgart, wo ihn der damalige Ballettdirektor Reid Anderson aus dem Ballettsaal pflückte und zu den Kindern und Studenten verfrachtete. Anderson nennt es heute »eine Eingebung«. Und das mit Fug und Recht, denn inmitten eines grundlegenden Wandels der Ballettausbildung machte Matacz die John-Cranko-Schule zu einer der führenden internationalen Akademien, zu einer hoch angesehenen Schule von untadeligem Ruf.
Absolventen auf der ganzen Welt
27 Jahre lang und damit genau die Hälfte ihrer Geschichte leitete er die Schule, als vierter Direktor erst seit der Gründung 1971. Zum Jahresende 2025 verabschiedete er sich in den Ruhestand und übergab die Leitung an die mexikanische Ballerina Elisa Carillo Cabrera, eine ehemalige Tänzerin des Stuttgarter Balletts. Zum Ende der Ära Matacz nimmt die Cranko-Schule im internationalen Ranking einen Platz neben den ehrwürdigsten Ballettakademien von Paris bis St. Petersburg ein. Die Stuttgarter Absolventen tanzen auf der ganzen Welt, waren oder sind Solisten in New York, Amsterdam, Wien, Mailand, machen Karriere in Avantgarde-Kompanien wie dem Nederlands Dans Theater und selbst beim Mariinsky-Ballett in Russland, das noch immer als Heiligtum des klassischen Tanzes gilt.
Vor allem aber in Stuttgart: 48 Absolventen der Cranko-Schule, so berichtete Ballettintendant Tamas Detrich stolz bei Mataczs Abschied, tanzten beim letzten USA-Gastspiel in der Kompanie, konstant etwa ein Dreiviertel der Kompanie über die Jahre. Was nur in den wenigsten Fällen heißt, dass sie hier als kleine Kinder angefangen haben, die meisten kommen mit 13, 14 Jahren aus aller Welt, oft als Stipendiaten.
Umfassende Bildung
Meist entdeckte Matacz, der mehrere Sprachen fließend spricht, sie bei internationalen Wettbewerben; seit der Neubau der Cranko-Schule stand, konnte er sie nicht nur mit seinem formidablen Lehrerkollegium locken, sondern auch mit großen, schönen Ballettsälen. Er begleitete den kompletten Prozess der Planung und den Bau der neuen Schule, akzeptierte lieber ein kleineres Büro als kleinere Säle, führte in unendlicher Geduld Politiker, Kollegen und Förderer durch die Stockwerke. Eine Wunde aber bleibt seit John Crankos Zeiten bis heute: dass so wenige deutsche Kinder diesen Beruf ergreifen wollen, trotz Überzeugungsarbeit und großen Vorbildern.
Zu einer der schwierigsten Aufgaben gehört sicher, das richtige Maß zwischen größtmöglicher Transparenz der Ausbildung und dem Schutz der Kinder vor neugierigen Augen zu finden. Matacz hat den Wandel erlebt aus einer Zeit, als manche Pädagogen noch mit dem Stock auf die Schülerbeine schlugen – heute wird jedes Mädchen, jeder Junge gefragt, ob man sie zur Korrektur anfassen darf. Ballett ist Hochleistungssport, einige der Eliteschüler müssen aus körperlichen oder Qualitätsgründen wieder aufhören, die Eltern sind manchmal noch ehrgeiziger als die Kinder; dieses Minenfeld ohne Skandal zu durchleben, erfordert Sensibilität und regelmäßige Gespräche mit allen Beteiligten.
Matacz gab weiter, was er es selbst von den großen russischen Pädagogen gelernt hat: »Eine möglichst unverwässerte klassische Technik, die ich auch für die universalste halte.« Ganz nach John Crankos Ideal ist sie hier abgestimmt auf die Besonderheiten des Stuttgarter Balletts: Die Absolventen lernen nicht nur schöne Linien und virtuose Schritte, sondern sie sind mit ihren 18 Jahren Schauspieler, Interpreten und neugierige, offene Künstler, die man in jeden Stil hineinwerfen kann. Eine umfassende, vor allem musikalische Bildung war Matacz immer wichtig, er vermittelte Respekt vor dem Beruf, den Choreografen, Kollegen und Zuschauern.
Wasserfeste Wimperntusche
Inzwischen wird ihm selbst von allen Seiten, und gerade auch von den internationalen Kollegen, der hohe Respekt erwiesen, der im Ballett den ganz großen Lehrern vorbehalten ist. Dass die Schule mit ihm einen sehr feinen Menschen, einen ebenso zurückhaltenden wie stets eloquenten, deutlichen Direktor verlieren wird, belegt der liebenswerte Satz einer Kollegin aus der Schulverwaltung: »Wir haben alle wasserfeste Wimperntusche gekauft«, beschreibt sie die Abschiedsstimmung in der Stuttgarter Werastraße. Matacz bleibt mit seiner Familie in Stuttgart, die Ballettwelt wird ihn ganz sicher als Juror und Lehrer weiter brauchen. (GEA)




