TÜBINGEN. Es ist eine Reise zurück in die Zeit, als die Götter des Rock noch leibhaftig unter uns wandelten am Freitagabend im LTT. Leonard Cohen, Bob Marley, alle sind sie wieder da. Dazu noch lebende Song-Gottheiten in wundersam verjüngter Gestalt: Tom Waits, Patti Smith, Joni Mitchell. Sie alle versammeln sich in der Lobby des Chelsea-Hotels in New York – Bühnenbildner Kay Anthony hat sie als Raum voller Türen gestaltet. Einst war es Refugium für Rock-Rebellen, doch nun soll es in ein modernes Appartementhotel umgebaut werden. Ein Ort der Magie droht unterzugehen. Also hat Patti Smith, die alte Rebellin des Punk, gerufen: Ein Benefiz-Album soll das Hotel retten.
Das ist der Rahmen für einen Song-Abend, der das Erbe von Heiner Kondschaks Dauerbrenner »Forever 27« antreten soll. Wir wagen die Prognose: Es wird so kommen. Dabei führt schon der Titel in die Irre. Dass Tote wieder lebendig sind, wird nicht weiter thematisiert. Die Sache spielt auch nicht um Mitternacht, sondern umfasst ein ganzes Wochenende, an dem geprobt, gesungen, gestritten wird.
Leitmotiv der Türen
Das Motiv der Türen ist dabei nicht nur im Bühnenbild, sondern auch im Text von Andreas Guglielmetti und in der Inszenierung von Jan Jochymski omnipräsent. Was den Kern der Sache trifft – denn letztlich geht es um das, was hinter diesen Türen passiert ist. Um Träume, Erinnerungen, die Vision dessen, was Musik bewirken könnte. Was hier sofort ironisch gekontert wird, indem Rezeptionist Sixto Rodriguez per Telefon Gebote für die Stücke entgegennimmt: zweitausend für die Tür, hinter der Bob Marley einst kiffte, achttausend für die Tür, hinter der Britney Spears zu tief ins Glas schaute. Während sich die Jahrhundertstars noch streiten, was auf die Platte soll, wird das, was sie retten wollen, meistbietend verscherbelt.
Im Zentrum steht dabei die Musik. Arrangiert und einstudiert von Heiner Kondschak und wie bei diesem Song-Verrückten nicht anders zu erwarten mit enormer Liebe fürs Detail ausgebreitet. Da ertönt dann zu einem Tom-Waits-Song abgesehen vom Klimpern des Klaviers nur der silbrige Glöckchenton von zwei Weinflaschen und ein sanfter, auf die Wand geschlagener Puls. Andere Songs wie Iggy Pops »Passenger« brettern dagegen in voller Rock-Besetzung voran.
Die Gesangskünste sind wechselhaft, aber die mehrstimmigen Sätze sitzen wunderbar und instrumental ist es ein Traum. Dennis Junge zaubert als Rodriguez fast nach Belieben am Schlagzeug. Stephan Weber lässt als Bob Marley ein tolles E-Gitarren-Solo nach dem andern los.
Eine Sonderverbeugung gilt Jennifer Kornprobst, die sich trotz Armschiene unverdrossen zig mal das Akkordeon anschnallt und sich bis in die Zugabe hinein trotz vermutlich nicht geringer Schmerzen in die rauchig-raue Rockstimme der Patti Smith förmlich hineinsteigert. Die Setlist führt vom programmatischen »People Have The Power« von Patti Smith über famos groovende Reggae-Perlen von Bob Marley und donnernde Rock-Kracher wie Dylans »Like A Rolling Stone« bis hin zu wunderbar innig-intimen Balladen von Waits und Cohen.
Texter Guglielmetti widersteht der Versuchung, eine durchgehende Handlung zu erzählen. Es ist, wie so eine Session eben so ist: Man kommt vom einen Thema ins nächste, verkracht sich, versöhnt sich wieder, verliert das Ziel aus den Augen, berappelt sich wieder. Ein zwischenzeitlicher Drogen-Knock-Out darf auch nicht fehlen.
Respektlos gezeichnete Typen
Der Reiz sind die Typen, erfrischend respektlos und doch mit großer Liebe parodiert. Kornprobsts Patti wirkt anfangs etwas schematisch, ihr Schmerz über das entgleisende Projekt wird jedoch im Laufe des Abends – vielleicht auch aufgrund ihrer Armverletzung – immer authentischer. Der Kracher ist die von Hannah Jaitner gespielte Joni Mitchell. Wie ein scheues Reh huscht sie über die Bühne in ihrer Hippie-Bluse, ständig poetische Verse rezitierend und mit den Armen rudernd wie ein Kranich, der gleich abhebt. Toll getroffen sind auch die anderen. Nicolai Gonther als junger Tom Waits, der beim Singen Glieder werfend jede Konvention hinter sich lässt. Gilbert Mieroph, der Leonard Cohen nicht im Geringsten gleicht, aber dessen gentlemanhafte Feinheit mit großer Ausstrahlung zelebriert, immer in Panik, sein Konkurrent Bob Dylan könnte noch auftauchen.
Stephan Weber ist als Bob Marley ungemein lässig – doch immer auf der Suche nach Geld für seine vielen Kinder. Dazu Jürgen Herold als mit der Welt hadernder Sam Shepard und Dennis Junge als Sixto Rodriguez, der nur wenige Hits hatte – und deshalb Türen verscherbeln muss, um zu überleben.
Ihnen allen hat Guglielmetti ein Feuerwerk voll Running Gags in den Mund gelegt – und ein amüsantes Hin und Her zwischen ideellen Höhenflügen und Niederungen des Alltags. Die Spanne reicht von Verdauungsproblemen bis hin zur Frage, ob sich am Ende die Liebe oder das Kapital durchsetzt. Über allem schwebt dabei die Frage, ob Bob Dylan am Ende doch noch erscheinen wird. Vielleicht wäre das auch der treffendere Titel gewesen: Warten auf Bob. (GEA)

