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Stuttgarter Ballett mit »Höhepunkte« kostenlos im Internet zu sehen

Online statt im Staatstheater: Das Stuttgarter Ballett stellt am Wochenende seine Premiere »Höhepunkte« kostenlos ins Netz. Hocherotisches Programm

Szene aus dem Programm »Höhepunkte« des Stuttgarter Balletts, das vom 27. bis 29. November gestreamt werden kann.  FOTO: ROMAN N
Szene aus dem Programm »Höhepunkte« des Stuttgarter Balletts, das vom 27. bis 29. November gestreamt werden kann. FOTO: ROMAN NOVITZKY
Szene aus dem Programm »Höhepunkte« des Stuttgarter Balletts, das vom 27. bis 29. November gestreamt werden kann. FOTO: ROMAN NOVITZKY

STUTTGART. Das Stuttgarter Ballett ist groß im Verschenken: Seit vielen Jahren gibt es beim Ballett im Park im Juli zwei Aufführungen umsonst auf der großen Leinwand, zu Beginn der Corona-Pandemie zeigte die Kompanie ihre beliebtesten Stücke von »Dornröschen« bis »Mayerling« im Internet. Nun sind die Theater wieder geschlossen und die eigentlich geplante Premiere »Höhepunkte« findet erneut im virtuellen Raum statt: Live übertragen aus dem Opernhaus, abrufbar auf jedem Computer oder Smartphone.

Eigentlich sollte der Ballettabend mit zwei Erstaufführungen bereits im Mai kommen, alle Stücke waren für die verschobene Premiere im November fertig geprobt. Den ekstatischen, schon oft gezeigten »Bolero«, der eigentlich den Abend beschließen sollte, spart die Kompanie für die Zeit auf, wenn die Theater wieder öffnen. »Höhepunkte« heißt der Abend nicht ohne Grund, Jirí Kyliáns abstraktes Ballett »Petite Mort« spielt auf den »kleinen Tod« an, wie die Franzosen den Orgasmus nennen. Zu Musik aus Mozart-Klavierkonzerten spielt der Choreograf auf den manchmal unheimlichen Zusammenhang zwischen Sexualität und Aggression an. Umrahmt von einem leichten Spiel mit barocken Degen und Reifröcken fasziniert Kyliáns elegante, skulpturale Ästhetik in abstrakten Trikots.

STREAMING-INFO

Der kostenlose Livestream beginnt am 27. November um 19 Uhr und ist über die Webseite und den Youtube-Kanal des Stuttgarter Balletts zu sehen. Bis 29. November, 22 Uhr kann das Programm gestreamt werden. (GEA)

www.stuttgarter-ballett.de

www.youtube.com/c/dasstuttgarterballett

Die geballte Frauenpower von »Falling Angels« gab es vor ein paar Spielzeiten bereits im Schauspielhaus, zu Trommelmusik von Steve Reich sehen wir moderne Amazonen, die aus ihren Lichtquadraten ausbrechen oder sich zusammenrotten – hochmusikalisch, ein wenig surreal und eloquent im Schrittmaterial, wie immer bei Kylián. Der tschechische Choreograf begann seine Karriere 1968 unter John Cranko in Stuttgart und revolutionierte später als Direktor des Nederlands Dans Theaters das moderne Ballett in Europa.

Klassiker der Moderne

Auch »Le jeune homme et la mort« ist ein Klassiker der Moderne, der trotz seines reifen Alters von 70 Jahren noch nie in Stuttgart zu sehen war. Mit »Der junge Mann und der Tod« kommt zum ersten Mal ein Werk des einst so einflussreichen französischen Choreografen Roland Petit ins Repertoire der Kompanie, ein ebenfalls hocherotisches Ballett, bei dem in der Pariser Dachstube eines jungen Künstlers die ersehnte Geliebte zum Todesengel wird. Das Libretto stammt vom Schriftsteller Jean Cocteau, die Musik ist Johann Sebastian Bachs Passacaglia in c-Moll, zu deren majestätischem Leid in einer Mischung aus klassischer Virtuosität und surrealer Zeichenhaftigkeit ein Leben zu Ende geht. Mit einer Latzhose, Zigaretten und blinkender Leuchtreklame war das Ballett recht avantgardistisch für das Jahr 1946, Petit verfilmte es später mit seiner Frau Zizi Jeanmaire und mit Rudolf Nurejew. In Stuttgart tanzen die Premiere Ciro Ernesto Mansilla und Hyo-Jung Kang.

Freigiebig erteilten Kylián und die Erben des 2011 verstorbenen Petit, die eigentlich mit jeder Aufführung Tantiemen an diesen Werken verdienen, dem Stuttgarter Ballett die Rechte, ihre Stücke im Internet zu streamen, wie so viele Choreografen und auch Komponisten seit Beginn der Pandemie. Hauptsache, es wird getanzt, musiziert und gespielt, damit die Zuschauer nicht etwa über Netflix & Co. die Schönheit des Balletts vergessen. (GEA)