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Starke Rollendebüts: Brigitte Fassbaender inszeniert »Parsifal« in Frankfurt

Faszinierend und fesselnd nutzten sie ihre Chance: Die Rollendebütanten in Wagners »Parsifal« an der Frankfurter Oper. Und sie nahmen dem Stück den mitunter noch immer virulenten Aufführungstraditionsballast.

Schicksalhafte Verbindung: Ian Koziara als Parsifal und Jennifer Holloway als Kundry in  »Parsifal« an der Oper Frankfurt.
Schicksalhafte Verbindung: Ian Koziara als Parsifal und Jennifer Holloway als Kundry in »Parsifal« an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus
Schicksalhafte Verbindung: Ian Koziara als Parsifal und Jennifer Holloway als Kundry in »Parsifal« an der Oper Frankfurt.
Foto: Monika Rittershaus

FRANKFURT. Gerade bei Richard Wagner, dessen Werke schon seit Witwe Cosimas Zeiten mit einer bleiernen Aufführungstradition beschwert wurden, deren Relikte mitunter heute noch präsent sind, können Rollendebütantinnen und -debütanten einen unvoreingenommenen, frischen Zug ins Spiel bringen. Vor allem, wenn sie hohe bühnenkünstlerische Voraussetzungen mitbringen und sehr gut geführt werden. Wie aktuell an der Oper Frankfurt in Brigitte Fassbaenders Neuinszenierung von Wagners »Parsifal«.

So erweist sich Jennifer Holloway als Kundry schon mit ihrem Melodiebogen zur Verszeile »Von weiter her, als du denken kannst« als anrührende Sänger-Darstellerin. Keine »Heroine«, sondern sensibel im Ausloten feiner Nuancen und subtiler Schattierungen. Mit einer Verführungsszene zum Niederknien, voller Facetten und Farbenreichtum.

Sensibel im Ausloten von Nuancen

Genauso souverän bewältigt sie im zweiten Aufzug die von Wagner verlangten schroffen Registerwechsel in ihrem Disput mit Klingsor, den Iain MacNeil überzeugend auf den Punkt bringt. Tenor Ian Koziara lässt in der Titelrolle durch sein eher baritonales Register aufhorchen. Was der zu Parsifals Welterkenntnis führenden Gottesklage im zweiten Aufzug dramatische Wucht verleiht und zugleich im dritten die lyrischen Passagen wie Kundrys Taufe oder die glanzvolle Schluss-Apotheose stützt.

Andreas Bauer Kanabas beherrscht den Gurnemanz souverän und platziert wie selbstverständlich seine gesättigten, herrlich runden Basstöne. Auch die von vielen Sängern gefürchteten langen Erzählungen gestaltet er fesselnd. Mit makelloser Phrasierung, ausgewogener Stimmführung und hinreißend verströmendem Belcanto erinnert er an solch große Rollenvorgänger wie Gottlob Frick, Kurt Moll oder Hans Sotin. Den Amfortas singt Nicholas Brownlee mit imposanter, dabei stets differenziert eingesetzter Stimmfülle. Seine intensiv-teilnahmsvolle Gestaltung der beiden Schmerz-Monologe erschüttert. Und die exzellent besetzten kleineren Partien erfüllen, beginnend mit Alfred Reiters tyrannisch-herrischem, Grauen erregenden Titurel, hohe Ansprüche, was auch für die exzellent einstudierten Chöre von Gerhard Polifka gilt.

Feinsinnige Personenregie

Wie auch schon in ihrem »Ring« bei den Festspielen in Erl wurde deutlich, dass Regisseurin Brigitte Fassbaender nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch intensiv mit dem Ensemble gearbeitet hat. Alle Sängerinnen und Sänger verbindet exzellente Diktion und eine hervorragende Ausdrucksgestaltung; sie durchdringen ihre Partien, zeigen differenziert die Entwicklungen der Figuren auf. Und ebenfalls wie im »Ring« fasziniert ihre von Bühnen- und Kostümbildner Johannes Leiacker kongenial mitgetragene Inszenierung durch eine Fülle an Details und feinsinnigen Beobachtungen.

So zeigt sie eine sich elitär gerierende Gralsrittergemeinschaft, die ihr mittlerweile hohl gewordenes System mit selbstgefälliger Attitüde pflegt. Zugleich züchten sie mit autoritärem Gebaren ihren Nachwuchs heran, nur dass die Knappen mit solch sinnentleerten religiösen Riten, bei denen Hostien zu Brezeln profaniert worden sind, nichts anfangen können und beim Abendmahl ungezogen herumalbern. Sodass auch Klingsor schon einmal als Zaungast hereinschauen und den Grad des Sittenverfalls prüfen kann.

Ungewöhnlicher Schluss-Einfall

Und es wird nichts dazu gelernt: Sobald sie ihren Heiligen Speer zurückhaben, stoßen sie mit Sekt an nach dem Motto: »Ist ja gar nicht so schlimm gekommen!« Wohingegen Kundry und der genesene Amfortas, jetzt befreit von Klingsors Fluch wie auch vom väterlich aufgezwungenen Amt, endlich in ihre gemeinsame Zukunft aufbrechen können – ein genauso ungewöhnlicher wie sinnfälliger Regieeinfall zu den Schlusstakten.

Das prächtig disponierte Opernhaus- und Museumsorchester lässt unter der inspirierten Leitung von Frankfurts jungem GMD Thomas Guggeis eine angenehm unprätentiöse, natürliche, von Mystizismen und außermusikalischen Überfrachtungen befreite Lesart der facettenreichen Partitur erkennen. Sein nüchterner Blick auf das Werk im Verbund mit seinem Spürsinn für Klangbalance, Farbe und Proportion der Tempi liegt auf jener Linie, die ab den 1970er-Jahren Eugen Jochum in Bayreuth und Herbert Kegel in Leipzig zu ziehen begannen, weitergeführt von Barenboim in Bayreuth und später in Berlin, dem Guggeis dort vor neun Jahren assistierte. Ein »Parsifal«, der aus solch einem Guss dem Graben entsteigt, ist ein besonderes Musiktheater-Erlebnis. (GEA)