LEINFELDEN-ECHTERDINGEN. Der rote Stern des Kommunismus prangt über Stetten auf den Fildern. Wo sonst im Theater unter den Kuppeln fröhliche Sommerunterhaltung lockt, da wehen die Fahnen des ungarischen Volksaufstands von 1956 und ein Russe besingt die Schönheit seines Heimatlandes. Die traditionsreiche Amateurtheaterbühne zeigt das 40 Jahre alte Musical »Chess« mit der grandiosen Musik der Abba-Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus. Der Inhalt, der inzwischen schon fast nostalgisch war, erweist sich plötzlich wieder als brandaktuell.
Duell im Kalten Krieg
»Chess«, der Titel ist das englische Wort für »Schach«, spielt mitten im Kalten Krieg der 1980er-Jahre und zeigt Menschen als Schachfiguren im Intrigenkampf der Großmächte. In Anspielung auf die Duelle zwischen Schachlegenden wie Bobby Fischer und Boris Spasski spielt hier ein Russe gegen einen Amerikaner um die Weltmeisterschaft, verliebt sich in dessen Beraterin, läuft über und sucht im Westen Asyl. Nach und nach wird klar, wie Funktionäre, Kommerz und Eitelkeit aus dem »königlichen Spiel« ein Gerangel um Macht und Geld machen, bei dem alle nur verlieren können. Der Russe ist durch seine in der Sowjetunion zurückgelassene Familie erpressbar, Beraterin Florence durch ihren inhaftierten Vater, der Amerikaner (der lustigerweise mit Nachnamen Trumper heißt) sorgt, obwohl er ein rachsüchtiger Egozentriker ist, am Ende für den einzigen hellen Moment der düsteren Geschichte.
Dafür, wie selten »Chess« auf unseren Bühnen gespielt wird, kennt man die Musik erstaunlich gut – das 1984 vorab veröffentliche Album katapultierte die Songs in die Hitparaden. Manche davon, wie »One Night in Bangkok«, gehören bis heute zu den ewigen Radiohits. Die Abba-Männer enttäuschen keine Minute, eine großartige Ballade reiht sich an die nächste, fetziger Rock wechselt mit romantischen Duetten und geheimnisvollen Chören. Das Libretto schrieb Tim Rice, der scharfzüngige Autor von »Evita« oder »Jesus Christ Superstar«, gesungen wird in Stetten natürlich auf Deutsch – und wie hier gesungen wird!
Tolle Stimmen, großes Ensemble
Seit fast vier Jahrzehnten zeigt das Theater unter den Kuppeln Musicals, und sie werden von Jahr zu Jahr besser. Nicht nur sind die Hauptrollen mit hervorragenden Solisten besetzt, die mit der musicaltypischen Beltstimme in die höchsten Höhen singen, auch das in »Chess« besonders geforderte Ensemble überrascht mit vielen schönen Solostimmen und übertrifft allein von der Menge her das, was viele Stadttheater auf die Bühne bringen können. Inzwischen wird hier nicht mehr zwischen Chor und Tänzern unterschieden, es ist ein echtes Musicalensemble, das beides kann und auf der großen Freiluft-Drehbühne die raffinierten, immer wieder am Schachspiel orientierten Choreografien von Nina Oelmann und Sara Crouch Rymer tanzt.
Durchaus eigenwillig zeichnet das Regieteam David Kovacs und Sascha Zulott die exaltierte Schachszene, eiskalte Funktionäre oder den magischen Moment, in dem sich auf einem Berg über Meran binnen weniger Minuten zwei völlig gegensätzliche Menschen ineinander verlieben. Die zum Schluss hin steigende musikalische Spannung spiegelt sich in der Regie; fast atemlos wartet man auf den letzten Zug des Spiels.
Aufführungsinfo
Das Musical »Chess« wird im Theater unter den Kuppeln, Gräbleswiesenweg 32 in Leinfelden-Echterdingen-Stetten, bis 9. August gespielt, jeweils freitags und samstags um 20.30 Uhr. Karten gibt es unter www.tudk.de und 0711 795111. (GEA)
In der Premiere sang Amelie Brückner die äußerlich kühle, aber stets kämpfende Florence. Nikolas Rotschedl war der freiheitsliebende Russe und Gregor Prust der Kommunisten hassende Amerikaner mit Kindheitstrauma. Miriam Hernandez Blazquez stimmte mit ihrer warmen Stimme ins berühmte Frauenduett »Ich kenn ihn so gut« (»I know him so well«) ein, einer der Höhepunkte des Abends. Mit einer mitreißenden Dynamik leitet Peter Pfeiffer das 15-köpfige Orchester – vor allem die Piano-Stellen klingen bestechend. Der perfekte Sommertheaterabend für Abba-Fans, Schachspieler und alle, die ein richtig gutes Musical sehen möchten. (GEA)



