BAD URACH. Nach seinem Weggang vom Reutlinger Knabenchor capella vocalis hat Christian J. Bonath 2022 die Dresdner Kapellknaben übernommen. Diese haben mit dem bekannten (städtischen) Dresdner Kreuzchor nichts zu tun, sondern werden vom (katholischen) Bistum Dresden-Meißen getragen und wirken an den dortigen Gottesdiensten mit. Bonath selbst wird im Programmblatt nicht als langjähriger Reutlinger Chorleiter, sondern nur als Spezialist für Alte Musik dargestellt; der Besuch beim Auftritt des Chores in der Bad Uracher Stiftskirche St. Amandus ist mäßig.
Von den angegebenen 45 Kapellknaben stellen sich 36 Jungs im dunklen Anzug (nicht im weiß-roten Chorhemd) diszipliniert auf das Podium, großteils ältere; die wenigen Kleinen stehen nicht wie sonst üblich in der ersten Reihe, sondern zwischen den Großen. Zu Beginn liegt das an dem doppelchörigen Auftaktwerk: Mendelssohns »Jauchzet dem Herrn alle Welt«, dessen Stimmpracht die jungen Sänger souverän in glockenhellem Sopran und kernigen Bässen entfalten; Bonath dirigiert in seiner lebhaften Weise.
Werke von Brahms
Das Programm widmet sich mit zwei Werken von Brahms weiterhin der Romantik: »Ach arme Welt« wird dynamisch überzeichnet, die umfangreiche Motette »Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen« (eigentlich für gemischten »erwachsenen« Chor) im Ausdruck dramatisiert. Die Jungs folgen intonationssicher und aufmerksam Bonaths impulsiver Körpersprache.
Einem fast geflüsterten »De profundis« folgt eine Kombination aus Original und Bearbeitung: Bachs Lied »Komm, süßer Tod«, von einem jungen Solisten und Bonath an der Truhenorgel vorgetragen, verbindet sich mit Knut Nystedts »Immortal Bach«, bei dem die Choristen im Kirchenschiff verteilt stehen und mit den unterschiedlich lang gehaltenen Akkorden von »Komm, süßer Tod« einen farbig changierenden Raumklang erzeugen.
Chorischer Lobpreis
Die weitere Programmfolge beeindruckt mal schlicht (A. Scarlatti, Bonath), mal aufwendiger (Klein und Aguair) mit gekonnt vorgetragenem chorischem Lobpreis, Psalmvertonungen und einer weiteren Solo-Arie. Wie der ungenannte junge Solist die Koloraturen in Händels »Rejoice greatly« perfekt meistert, ist bemerkenswert.
Als katholischer Chor widmen die Dresdner Kapellknaben einen längeren Abschnitt dem Lobpreis der Muttergottes. Während die Ave-Maria-Vertonungen von Mäntyjärvi und Tavener tief nach innen gekehrt werden, ziehen Bonath und seine Sänger bei Bruckner alle Register: In »Virga Jesse« und »Ave Maria« werden Dynamik-Kontraste und Steigerungen zu solch spektakulären Extremen überhöht, dass einem Hören und Sehen vergeht – für einen Knabenchor eine gewaltige Leistung, künstlerisch jedoch eher fragwürdig, wenn die expressive Durchgestaltung zum Maß aller Dinge wird.
Schlichter Kanon
Überraschend sanft verlischt das vokale Licht am Ende mit »Der Mond ist aufgegangen«, das mit einem schlichten Kanon zu vielstimmiger Harmonie verbunden wird. Herzlicher Beifall. (GEA)

