STUTTGART. Der Bogen hatte es in sich, den die Night of the Proms am Mittwochabend in der Stuttgarter Schleyerhalle spannte: von der Soul-Magierin Joss Stone über das australische Stimmkraftwerk Vanessa Amorosi bis zu Alice Cooper, fast schon mythische Figur des 70er-Düster-Glamrocks. Dazwischen mit dem Schotten Midge Ure ein Zentralgestirn des 80er-Pop, der ewige Sympath Michael Schulte und die furiosen Trommel-Entladungen des Dänen-Duos Safri.
Da vollzog sich Rock-Pop-Kunst auf einem irren Level. Einmal mehr mit dem Bonus, dass die Stars es sichtlich genossen, vor diesem eingeschworenen Publikum in der vollen Halle zu agieren. Joss Stone, wie sie am Ende des Songs den Schlusston hinauszögerte, die entstehende Stille auskostete, ehe sie zur finalen Wendung ansetzte: »Wow, man könnte jetzt einen Tropfen fallen hören!«, entfuhr es ihr.
Magische Duette
Ach, was hatten sie alle Spaß! Auch, miteinander zu agieren. Regelrecht magisch, als sich die Stimmen von Joss Stone und Michael Schulte in »Ordinary« zum souligen Duett verbinden, warm, dunkel, beseelt. Und das anschließende Duett von Stone mit Vanessa Amorosi in »It's Raining Men«: Stimmgewalt, die überwältigt, bis Amorosi den Schlusston wie einen Laserstrahl gen Decke schleudert.
Die Klassikteile können mit diesen Machtdemonstrationen nicht mithalten. Der »Trauermarsch für eine Marionette« von Charles Gounod erfreut immerhin mit parodistisch schluchzender Klarinette. Aber zwei kurze Teile aus Mozarts »Requiem« wirken seltsam deplatziert, der verstärkte Instrumentalsound walzt die Feinheiten platt. Der Gefangenenchor aus Verdis »Nabucco« bleibt spannungslos; Smetanas »Moldau« wird ihrer Quellen beraubt und im weiteren Flusslauf begradigt: Hauptthema, Bauerntanz, Mündung, fertig. Das Antwerp Philharmonic Orchestra unter Alexandra Arrieche und der Chor Fine Fleur kommen paradoxerweise in den Pop-Nummern besser zur Geltung.
80er-Ikone und Naturgewalt
Und der Pop begeistert. Joss Stone, kürzlich zum vierten Mal Mutter geworden, streichelt die Töne mit dunkel-beseelter Stimme. Geht in »You Had Me« ganz auf in locker wippender Funk-Rhythmik. Nach der tanzenden Soulfee im Flatterkleid steht dann plötzlich ein hagerer Kahlschädel in schwarzer Steppjacke am Mikro. Ist das etwa Captain Picard aus dem Raumschiff Enterprise? Nein, es ist Midge Ure, 80er-Songwriter-Ikone der Gruppe Ultravox. Aber wie Picard nimmt man auch ihm jedes Wort ab, ob im synkopisch wippenden »Vienna«, im flammenden »Breathe« oder im hymnischen »Dancing With Tears in My Eyes«.
Vanessa Amorosi ist danach eine Naturgewalt. Voller Tanzlust über die Bühne wirbelnd, mit einer Stimme, die alle Grenzen sprengt. In ihrem großen Hit »Absolutely Everybody«, vor allem aber im Doors-Klassiker »Light My Fire«, in dem sie ihre Hörer in ein knisternd erotisiertes Delirium zieht. Sie ist es auch, der man die unverzichtbare Proms-Hymne »Music (was my first Love)« anvertraut, bis zu seinem Tod von John Miles gesungen – bei Amorosi bekommt sie enorme Kraft.
Trommelnde Dänen
Ihr Energielevel wird nur noch von den zwei Dänen des Safri-Duos eingeholt. Als die zwei Trommler ihre rasenden Discobeats in die Halle feuern, tobt der Saal. Alles geht mit bei ihrem Paradestück »Played-A-Live«. Und wieder so ein reizvoller Kontrast: Michael Schulte ist ganz er selbst am Mikrofon, man glaubt, mitten in seine Seele zu blicken, wenn er mit seidenweicher Stimme die Höhenlagen ausleuchtet, in »Falling Apart«, in seinem ESC-Hit »You Let Me Walk Alone«.
Alice Cooper, nicht wirklich ein Stimmakrobat, kontert mit theaterhafter Bühnenpräsenz. Wie eine Figur aus einer E.T.A.-Hoffmann-Schauergeschichte tritt er auf die Bühne, mit Spazierstock und Zylinderhut, Fantasiegestalt eines düsterromantischen Humors und Überbringer des Glamrock-Erbes der 1970er. Ob »Poison« oder »Might As Well Be On Mars«: Man spürt die Nähe zu Pink Floyd – und in »School's Out« wechselt Cooper denn auch mal kurz in den Pink-Floyd-Hit »We Don't Need No Education«. In »Only Women Bleed« wird er von einer Tänzerin umgarnt, die sich als seine Frau Cheryl herausstellt, eine Profi-Tanzperformerin. Sie gibt auch überzeugend die Marionette in Gounods »Trauermarsch«. (GEA)




