LUDWIGSBURG. Ein Stück in Rosa, eines in Tiefschwarz, eines zur schmeichelnd-eleganten Musik von George Gershwin und das nächste zu den polyrhythmischen Dissonanzen von Igor Strawinsky: Das Ballett des Münchner Gärtnerplatztheaters gastierte zum Abschluss der Schlossfestspiele in Ludwigsburg und vereinte den amerikanischen und den russischen Komponisten in der Stadt der Liebe. »Strawinsky in Paris« hatte vor zwei Wochen in München Premiere und kam als Koproduktion der Festspiele ins Forum am Schlosspark.
In ein pinkfarbenes Delirium, wo ständig Blumensträuße von der Decke fallen, stürzt uns der Belgier Jeroen Verbruggen, einst langjähriger Solist bei Les Ballets de Monte-Carlo. Alles, wirklich alles ist hier rosafarben – die gestreiften Herrenanzüge der Tänzerinnen und Tänzer, die Blümchen auf den Shorts, die Schaukeltiere aus Drahtgestell, die Regenschirme, das Licht. Gershwins Orchesterwerk »An American in Paris« entstand 1928, der Choreograf mischt nun Auszüge aus Aaron Coplands »Billy the Kid«-Suite darunter. Der Broadway muss es ja wirklich nicht sein, aber Verbruggens zeitgenössisch-beliebiger, verschluderter Stil erinnert nie an die Eleganz eines Jerome Robbins oder Gene Kelly und würde viel besser zu ein paar urwüchsigen Bohèmiens des Montmartre passen.
Wunderschöne Kaleidoskope
Tiefschwarz wie immer ist Marco Goeckes Ästhetik. »Le Sacre du Printemps« vibriert bei ihm durchweg in einer nervösen, flirrenden Spannung. Statt draußen auf der Erde den Frühling zu beschwören, rinnt in einer tiefschwarzen Höhle ganz leise die Zeit von der Wand, wie Wasser oder Wolken. Goecke zeigt kein großes Opferritual, sondern ein Leben aus zahllosen kleinen Fragmenten, in dem eine Glühbirne hoch über der Bühne manchmal wie eine Antwort auf die Fragen der Tänzer flackert.
Sein »Sacre« hat keine Struktur, stattdessen folgt er hochsensibel der Musik, mit dem Handwerk der wirklich großen Choreografen: Er führt einen Dialog mit Strawinsky. Er antwortet, widerspricht, kämpft, ergänzt, spielt mit diesen monumentalen Klängen, so viel eleganter übrigens auch in seinen komplexen, irre schnellen Bewegungen als Jeroen Verbruggen. Wir sehen getanzte Selbstgespräche in verzweifelter Einsamkeit, ein tröstliches Sich-Nähern im kaum berührenden Ertasten, ein Aufgeben in plötzlicher Ermattung. Die Tänzer reihen sich in vertikale Linien oder versammeln sich zu großen, synchronen Schwärmen, in denen immer wieder Störungen aufblitzen und sich bei aller Nervosität in wunderschöne Kaleidoskope auffächern. Die höchst unterschiedlichen Tänzer des Gärtnerplatztheaters prägen das Stück mit ihren starken Charakteren. Und auch wenn die reduzierte Orchesterfassung nicht die existenzielle Durchschlagskraft von Strawinskys Originalpartitur hat: Wie großartig, diese Musik unter der Leitung von Michael Brandstätter live zu hören.
Groteskes Dauergrinsen
Immer unheimlicher werden Goeckes Figuren: ein Paradiesvogel wie vom Dior-Laufsteg, der sich die schwarzen Federn ausreißt, ein tobender Hippie mit offenen Haaren, ein mit den Armen keifendes Frauenduett, zum Schluss ein Kahlkopf mit einem grotesk zum Dauerlachen gespreizten Mund. Ihm blinkt die einsame Glühbirne noch eine letzte Antwort zu, bevor sie als kleine Supernova verglüht. Die Uraufführung von »Le Sacre du Printemps« mit der Choreografie von Vaslaw Nijinsky war 1913 in Paris ein legendärer Theaterskandal, unter den zahllosen Tanzfassungen ist die von Pina Bausch auf Torfboden sicher die berühmteste. Goecke, der nach seiner skandalbedingten Auszeit nur noch einfallsreicher und virtuoser choreografiert, reiht sich in die Versionen ein, die bleiben werden. (GEA)


