TÜBINGEN. Tübingen sei eine Stadt, »die so schön ist, dass man seelisch sehr gefestigt sein muss, um das auszuhalten«, sagte Judith Schalansky am Mittwochabend im Tübinger Sudhaus. Die Schriftstellerin, die vor sechs Jahren - neben dem Norweger Karl Ove Knausgård - im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur sprach, las nun bei einer Veranstaltung des Tübinger Wissenschaftsmagazins »Science Notes« in der Unistadt aus ihren Büchern.
Im Dialog mit Herausgeber Thomas Susanka, Menschen aus dem Wissenschaftsbetrieb und dem Publikum kam die gebürtige Greifswalderin, deren Bücher in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt sind, auf eine zunehmende »Wissenschaftsfeindlichkeit« in der Welt zu sprechen, die sie bedrohlich finde, denn: »Was passiert, wenn die Frage der Wahrheit nichts mehr mit Objektivität, mit wissenschaftlich Nachprüfbarem zu tun hat? Dann sind wir auf einmal dabei, dass alles nur noch Meinungen sind.« Das sei der Horror. »In dem Moment stirbt tatsächlich auch so etwas wie die Wahrhaftigkeit der Kunst.« Das Spielerische, das sie selbst immer im Feld zwischen Fakt und Fiktion gesehen habe, habe ein Stück weit seine Unschuld verloren. Schalansky ist mit Büchern wie »Atlas der abgelegenen Inseln«, »Der Hals der Giraffe« und »Verzeichnis einiger Verluste« bekannt geworden. Letzteres stand auf den Longlists für den International Booker Prize und den National Book Award.
Bücher der Vergangenheit mit am Tisch
Literatur hat für Schalansky nicht zuletzt die Funktion, »Weltzugang zu schaffen und Wirklichkeit zu bändigen«. Das Schreiben - nach umfassender Recherche in der Berliner Staatsbibliothek - dient ihr als »Erkenntnisinstrument«. Dabei habe das literarische Erzählen nichts mit Fiktion zu tun, sondern mit Sprache. »Die Sprache entscheidet, ob etwas Literatur ist oder nicht.« Sie gebe sich beim Schreiben, bei dem die Bücher der Vergangenheit, wie sie sagt, stets mit am Tisch sitzen, immer kleine Aufgaben. »Als Nächstes mache ich eine Liebesnovelle, die aber gleichzeitig ein Western sein soll.«
Schalansky gestand, sehr belohnungsorientiert zu sein. Wenn sie den Anfang eines Buches habe, komme sie oft an den Punkt, an dem sie denke, jetzt müsse sie sich von der Zielgeraden schon mal zuwinken »Dann mache ich ein Cover.« Die Autorin ist bekannt dafür, ihre Bücher selbst zu gestalten. Sie hat dafür schon Designpreise erhalten. Generell hat sie bei sich einen Wissensdurst ausgemacht, der »unerschöpflich und unzähmbar ist«. (GEA)

