STUTTGART. Dieser Mann schreibt Pop-Geschichte. Seine seit 2022 laufende »Mathematics«-Mega-Welttournee (168 Auftritte) hat Ed Sheeran dieses Jahr im buddhistischen Königreich Bhutan gestartet. Als erster westlicher Sänger überhaupt. Nach einem Abendessen mit König Jigme, versteht sich. Wann hat man im abgeschiedenen Winkel der Welt auch schon mal ein Member of the Order of the British Empire zu Gast. Den Titel bekam Sheeran 2017 vom damaligen Prinz Charles verliehen.
Beide sind mittlerweile Könige einer Nation des Commonwealth, wobei dem 34-jährigen rotschopfigen King of Pop die ganze Welt zu Füßen liegt. Eben auch am Himalaya. Vor 15.000 Zuschauern im einzigen Stadion des Ministaats. Heimspielort der erfolglosesten Fußballnationalmannschaft Asiens. Und: Die günstigsten Karten der Tournee für schlappe neun Euro.
Alles rund um den sympathischen Kumpeltyp ist mit Superlativen gespickt: Über 411 Millionen verkaufte Tonträger. Seine Vorgängertour »Divide« (2017–2019) gilt mit 663 Millionen Euro Umsatz als erfolgreichste und mit 8,5 Millionen Tickets als meistbesuchte der Musikgeschichte.
Am heißesten Wochenende des Jahres bildete Bad Cannstatt den grandiosen finalen Auftakt für seine drei Stationen in Deutschland – es folgen sechs Konzerte in Hamburg und Düsseldorf. Über 120.000 Fans strömten an zwei Tagen in die MHP-Arena des VfB. Nur vier Pressefotografen sind zugelassen. Sheerans Learjet landet um 15.30 Uhr in Echterdingen. Wer keine Restkarten abgreifen konnte oder sein Mini-Spontan-Konzert am Sonntagmorgen um 11 Uhr vor der Oper mit einem Pianisten verpasst hat, muss nicht darben. Die Live-LP zur Tour ist bereits erschienen. Verpasst hat man eine gigantische 360-Grad-Leinwand. Getragen von Seilen an sechs Masten mit zusätzlichen Screens, Gitarren-Plektren nachempfunden. Die Auszeichnung »publikumsfreundlichste Performance« ist ihm sicher: Die Drehbühne ermöglichte, dass man ihn auf allen Plätzen im Blick hatte – zwischen Feuerfontänen und viel vergossenem Schweiß.
Die Support-Acts Tori Kelly (später im Duo mit Sheeran ihr gemeinsames »I Was Made for Loving You« singend) und Myles Smith hatten die seit Stunden in praller Hitze ausharrenden Fans auf Betriebstemperatur gebracht. Mit einem Countdown tauchte der Sänger um Punkt 20.15 Uhr aus dem Untergrund auf: Im krassen Widerspruch zur sich mit der Dunkelheit steigernden exorbitanten Showtechnik (beim Sound war noch Luft nach oben) puristisch in Jeans, einem bald durchgeschwitzten T-Shirt mit der bunten Aufschrift »Stuttgart« und Gitarre, während seine Band fast unsichtbar auf die Mastpodesten verteilt war. Temperaturen im 30-Grad-Bereich und stehende Luft bis in den Abend verlangten allen Beteiligten einiges ab. Sanitäter im Dauerstress, lange Schlangen vor Getränkeständen und Toiletten.
Auf Geld ist der songschreibende Multimillionär nicht angewiesen. Tantiemen fließen aus den Hits, die er für Taylor Swift, Justin Bieber, One Direction und dreißig andere ersinnt. Bereits als Kind hat der nahe Suffolk aufgewachsene Beatles-Fans sich selbst das Gitarrespielen und Liederschreiben beigebracht. Mit 14 veröffentlichte er eine EP und zog fortan als Musiker durch die Clubs. 2011 gelang ihm mit dem Debütalbum »Plus« (+) der Durchbruch.
Und schon sind wir mitten in der Setliste eines emotionalen Abends. Stets steuert Sheeran eine Anekdote bei. Mit dieser warmen Stimme und einzigartigen Art, zu erzählen. Er spricht und singt über Liebe, Momente, Erinnerungen, Melancholien, kleine Wahrheiten, die universell klingen. Er muss sogar ein paar Tränen unterdrücken. Der Song über die Drogensucht »The A Team« bescherte ihm den ersten von vier Grammys. Mit dem Folgealbum »Multiply« (x) festigte er 2014 seinen Status als globaler Popstar: »Thinking Out Loud« avancierte zur ultimativen Hochzeitsballade, »Photograph« und »Bloodstream« machen ihn zum gefragtesten Live-Künstler seiner Zeit. Die drei Hits durften in der über 30 Lieder umfassenden Nonstop-Hitparade nicht fehlen.
Noch einen drauf setzte er mit dem Album »Divide«: »Castle on the Hill« (hier der Auftaktsong) stieg 2017 zusammen mit »Shape of You« (vorletzte von vier Zugaben) auf Platz 1 und 2 der britischen Charts. Der Song hielt sich 91 Wochen in den deutschen Charts. Auch die Songs »Perfect« und »Galway Girl« mit seiner typischen Mischung aus eingängigen, teils irischen Melodien und emotionalen Texten brachte die Arena zum Brodeln.
Mit »Equals« (=) kehrte Sheeran, zwischenzeitlich Vater geworden, 2021 gereift zurück. Seine diesbezüglichen Erfahrungen besingt er in »Bad Habits« oder »Shivers«. »Subtract« (-) wurde 2023 sein persönlichstes Album. Er verarbeitet darauf hörbar verletzt die Krebserkrankung seiner Frau Cherry Seaborn, den gewonnenen Plagiatsstreit um Marvin Gayes Klassiker »Let’s Get It On« und den Drogentod seines Freundes Jamal Edward, an den er in Stuttgart mit »Live Goes On« und »Eyes Closed« erinnert.
Doch jetzt ist Schluss mit Mathe: Sein mathematisches Alben-Konzept weicht asiatischen Klängen, womit wir wieder in Bhutan wären: Sitar-Klänge treffen auf Brit-Pop. Mit »Old Phone«, »Sapphire« und »Azizam« (Zugabe) machte er Appetit auf sein achtes Studioalbum »Play«, das zum Tourende am 7. September erscheint. Eine neue Ära mit neuem Schema, wie er andeutet. Die Fans können sich in den nächsten Jahren auf »Forward«, »Rewind«, »Stop« und »Pause« freuen. (GEA)







