MARBACH AM NECKAR. Ganze vier Jahre lang war das Schiller-Nationalmuseum der Öffentlichkeit entzogen, seit 1. November 2021 blieben die Türen des 1903 eröffneten, nach Plänen der Stuttgarter Architekten Ludwig Eisenlohr und Carl Weigle auf der Marbacher Schillerhöhe hoch über dem Neckar thronenden Dichterweihetempels geschlossen, während das Gebäude dahinter denkmalschutzgerecht saniert und die Dauerausstellung neu konzipiert wurde. Nun ist unter dem Titel »Schiller!« der Teil des Deutschen Literaturarchivs (DLA) wieder zu sehen, der die Keimzelle und Daseinsberechtigung der gesamten Institution repräsentiert und nach außen trägt. Schließlich beherbergt der dortige Schiller-Bestand neben dem Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv die bedeutendste Sammlung zu Werk und Leben des 1759 in Marbach geborenen Dichters weltweit.
Endlich! Schon wieder! Immer noch! Nichtsdestotrotz! Bloß nicht! Ein Ausrufezeichen kann recht viele unterschiedliche Bedeutungen transportieren und verstärkend zum Ausdruck bringen. »Wir wollen damit zur erneuten Auseinandersetzung mit Schillers Werken, zum Anders-Lesen, zum Neu-Lesen einladen«, erklärt Vera Hildenbrandt, die als Leiterin der DLA-Museen die Neukonzeption der Dauerausstellung mit Helmuth Mojem, Alina Palesch und Pascal Quicker kuratiert hat, die Intention der Ausstellungsmacher, dem Dichternamen im Titel ein Satzzeichen folgen zu lassen. Sicher: Eine gewisse Dringlichkeit signalisiert das Rufzeichen in nahezu jedem Kontext, häufig allerdings impliziert es auch eine impulsiv affizierte Äußerung. Der zur Wiedereröffnung neben Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und Petra Olschowski, der Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst eingeladene französische Botschafter François Delattre mochte in seinem appellativen Charakter gar »einen Weckruf zur intellektuellen Mobilisierung – und mehr noch: zur politischen Wachsamkeit« erkennen.
Generell rücke man mit rund 400 Exponaten im Vergleich zur 2009 eröffneten Vorgängerschau mehr »die politische Dimension von Schillers Werk in den Fokus«, habe den Schwerpunkt von einer auf »Materialität« setzenden Präsentation hin zu einem »viel stärker historisch kontextualisierten Zugang« verschoben, so DLA-Direktorin Sandra Richter. Zwischen Dekonstruktion und Mythenpflege begebe man sich auf einen Weg differenzierterer Betrachtung, der Zwischentöne und Details nicht unterschlägt.
Grundlegend Neues sollte man freilich nicht erwarten: Die Räume des Schiller-Nationalmuseums unterliegen dem Denkmalschutz. Zudem sind viele der Exponate hochgradig lichtempfindlich – mehr als 50 Lux sollten nicht bei den alten Papieren ankommen. Entsprechend der neun kleinen Ausstellungsräume des Museums ist die neu überarbeitete Schau in ebenso viele Kapitel eingeteilt, die jedoch keiner Chronologie folgen, sondern thematisch geordnet sind. Die Reihenfolge der Rezeption bleibt den Besuchern selbst überlassen.
Das Ausrufezeichen im Titel konterkarierend werfen die Stellwandtexte unzählige Fragen auf. Manche Antworten finden sich in den schlicht-vornehm wirkenden Vitrinen. Etwa der berühmte »Bauerbacher Plan« zu »Don Karlos« unter der Überschrift »Die Bühne als Experimentierfeld? Schillers Talent fürs Theater«. Oder zum Rubrum »Dichter der Freiheit? Europäische Werte in Schillers Texten«, das den für Schillers Denken zentralen Freiheitsbegriff thematisiert und nach dessen Verhältnis zur Französischen Revolution fragt, die Urkunde zur Ehrenstaatsbürgerschaft Schillers in Frankreich, die ihn 1798 mit fünf Jahren Verspätung erreichte – »aus dem Reich der Toten«, so Goethes maliziöser Kommentar: Alle mit diesem Dokument Betrauten, auch der unterzeichnende Danton, waren zu diesem Zeitpunkt bereits der Revolution zum Opfer gefallen. »Medizin oder Poeterei? Literatur und Wissenschaft« spürt Wechselwirkungen zwischen Schillers Tätigkeit als Mediziner und Historiker einerseits und seinem literarischen Schaffen andererseits nach, »Vom Schreiben leben?« beleuchtet »Schillers Weg zum Berufsschriftsteller« – nicht nur hier lernt man einen mit pragmatischer Flexibilität ausgestatteten Idealisten kennen, der sich auch mal verrechnet.
Ein anderes Kapitel ist dem Balladendichter im Kreis seiner Zeitgenossen gewidmet, hier wurde der Kanon – Hölderlin, Uhland, Hauff, Mörike – auch um einige Frauen wie Annette von Droste-Hülshoff, Sophie Mereau und Sophie von La Roche erweitert, ein weiteres gilt dem Netzwerker, der eines der ambitioniertesten belletristischen Journale der Aufklärung aus der Taufe hob – der »Contract über die litterarische Monatsschrift Die Horen« mit dem Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Cotta findet sich ebenso ausgestellt wie ein Beispiel der mit Goethe verfassten Spottgedichte der »Xenien« zur Verteidigung jenes Zeitschriftprojekts. Aber auch ein Spielkartendeck zu »Maria Stuart« und »Wallenstein«-Zinnfiguren sind zu sehen, ebenso zum Thema »Schiller-Kult« eine Haarlocke mit Echtheitsbestätigung des Dichtersohns Karl von Schiller oder kuriose »Reliquien« wie drei Splitter vom »Bettgestell Friedrich Schillers in Weimar« oder zwei Nägel seines Gartenhauses in Jena.
Ausstellungsinfo
Das Literaturmuseum der Moderne und das Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar, Schillerhöhe 8 bis 10, sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. (GEA)
Bislang noch nie gezeigt wurden zwei der legendären »Schnipsel« – Caroline von Wolzogen, die Nachlassverwalterin Schillers, zerschnitt nach dem Tod des Dichters etliche Manuskripte ihres Schwagers, um die Autografen-Schnipsel freimütig an Schiller-Verehrer zu verteilen. 2010 konnte das DLA das Handschriftenfragment einer frühen Fassung von »Don Karlos« erwerben. Erst 2019 ins Archiv gelangt ist ein Textbruchstück des »Demetrius«. Bei den meisten Exponaten handelt es sich um Originale, doch nicht alles ist echt: Einige Papiere sind so fragil, dass sie lediglich als Faksimile gezeigt werden können. (GEA)



