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Schauspielerin, Sängerin, Autorin und rundum bemerkenswerte Frau: Zum 100. der Knef

Hildegard Knef würdigen zu ihrem 100. Geburtstag am 28. Dezember eine Doku, viele Künstler und ein Comic. Chansons und Anekdoten bieten auch Eleonore Hochmuth und Manfred Menzel im Tübinger Vorstadttheater.

Chris Geisler, Eleonore Hochmuth und Manfred Menzel feiern an zwei Abenden rund um den 100. Geburtstag von Hildegard Knef Leben
Chris Geisler, Eleonore Hochmuth und Manfred Menzel feiern an zwei Abenden rund um den 100. Geburtstag von Hildegard Knef Leben und Werk der gebürtigen Ulmerin im kleinen Tübinger Vorstadttheater. Foto: Claudia Reicherter
Chris Geisler, Eleonore Hochmuth und Manfred Menzel feiern an zwei Abenden rund um den 100. Geburtstag von Hildegard Knef Leben und Werk der gebürtigen Ulmerin im kleinen Tübinger Vorstadttheater.
Foto: Claudia Reicherter

TÜBINGEN. Eleonore Hochmuth sieht nicht aus wie Hildegard Knef. Dafür fehlen ihren Wimpern mindestens zwei Lagen klumpiger schwarzer Tusche. Und die 57-Jährige wirkt mädchenhafter, als der Star der 1950er- bis 80er-Jahre in Erinnerung ist. Aber mit ihrer samtig-tiefen Kontraaltstimme kommt die Sängerin der Knef als Chansonnière, deren 100. Geburtstag sie vor ausverkauftem Haus im Tübinger Vorstadttheater feiert, ganz nah - unterstützt von Pianist Chris Geisler und Moderator Dr. Manfred Menzel. Der Lindauer lässt zwischen den fast ausnahmslos von der Knef selbst verfassten Liedern jeweils eine andere Facette der Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin aufblitzen, die zunächst Trickfilmzeichnerin war und im Bombenhagel Theater spielte, bevor sie nebenbei einer ganzen Generation von Frauen Emanzipation vorgelebt hat.

Geboren wird Hildegard Knef am 28. Dezember 1925 am Rand des mittelalterlichen Viertels »Auf dem Kreuz« in Ulm, und getauft im Ulmer Münster. Obwohl sie und ihre Mutter Frida Auguste, geborene Gröhn, die Stadt an der Donau nach dem Tod des Vaters, des 28-jährigen Tabakkaufmanns Hans Theodor Knef, schon nach fünf Monaten in Richtung Spree verlassen, begleitet die sie ein Leben lang: im Pass und als Ort, den sie Freunden wie US-Schriftsteller Henry Miller ans Herz legt.

Hildegard Knef auf einer historischen Aufnahme in der Dokumentation »Ich will alles. Hildegard Knef« von Luzia Schmid, die in de
Hildegard Knef auf einer historischen Aufnahme in der Dokumentation »Ich will alles. Hildegard Knef« von Luzia Schmid, die in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Foto: Funkturm-Verlag / RBB Media
Hildegard Knef auf einer historischen Aufnahme in der Dokumentation »Ich will alles. Hildegard Knef« von Luzia Schmid, die in der ARD-Mediathek zu sehen ist.
Foto: Funkturm-Verlag / RBB Media

»Von nun an ging's bergab.« So leitet sie 1968 in einem ihrer bekanntesten Chansons selbstironisch jeden weiteren Abschnitt ihres bewegten Lebens ein. Das nimmt Moritz Stetter auf, der dieser Ikone der Nachkriegszeit im Comic »Die Knef« (Carlsen Verlag) gerade ein Denkmal gesetzt hat. Tatsächlich ist ihr Leben bis zuletzt vielfältig, schillernd, dramatisch, aber auch geprägt von ungeheurem Fleiß. Berlin bleibt Wahlheimat und Sehnsuchtsort. Zunächst lebt sie in Schöneberg - nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beim geliebten Großvater - und träumt schon bald von den Brettern, die die Welt bedeuten. Schritt für Schritt arbeitet sie darauf hin, nachdem sie mit 15 Jahren nach der Mittleren Reife die Schule verlassen hat.

Eleonore Hochmuth interpretiert Chansons von Hildegard Knef - in einem passend zu deren größtem Hit mit roten Rosen verzierten K
Eleonore Hochmuth interpretiert Chansons von Hildegard Knef - in einem passend zu deren größtem Hit mit roten Rosen verzierten Kleid. Foto: Claudia Reicherter
Eleonore Hochmuth interpretiert Chansons von Hildegard Knef - in einem passend zu deren größtem Hit mit roten Rosen verzierten Kleid.
Foto: Claudia Reicherter

Jedoch: »Das Glück kennt nur Minuten.« Stiefvater Wilhelm Wulfestieg macht ihr Angst und beutet sie als billige Arbeitskraft aus. Ein Stimmbandbruch, den sie sich dem Literaturwissenschaftler Menzel zufolge schon mit acht Jahren als Marktschreierin zugezogen hat, hinterlässt ihre Stimme dunkel und rau. »Eins und eins, das macht zwei« heißt es für die junge Knef dann in den letzten Kriegsmonaten, als sie sich in den 18 Jahre älteren - verheirateten - Ewald von Demandowsky verliebt, den Chef der zweitgrößten deutschen Filmgesellschaft Tobis. 1945 will sie mit ihrer ersten großen Liebe im Volkssturm als Soldat verkleidet zur Mutter fliehen, wird aber geschnappt und in ein polnisches Kriegsgefangenenlager gesteckt.

Zurück in Berlin, beginnt sie gegen den Hunger zu rauchen. Doch die Schauspielerei nimmt Fahrt auf. Auf dem Weg zur Probe lernt sie Kurt Hirsch kennen, tschechischer Jude und Kontrolloffizier der US-Army fürs Filmwesen im besetzten Deutschland. 1946 ergattert sie die Hauptrolle im ersten deutschen Nachkriegsfilm »Die Mörder sind unter uns« und begeistert 219-mal in Bolselaw Barlogs Inszenierung von »Drei Männer und ein Pferd« am Schlosspark-Theater als lispelnde Amerikanerin. 1947 wird sie sowohl vom deutschen »Spiegel« als auch vom amerikanischen »Life«-Magazin als neuer deutscher Star gefeiert.

Hildegard Knef in der Filmdoku »Ich will alles. Hildegard Knef«.
Hildegard Knef in der Filmdoku »Ich will alles. Hildegard Knef«. Foto: Privatarchiv Knef
Hildegard Knef in der Filmdoku »Ich will alles. Hildegard Knef«.
Foto: Privatarchiv Knef

»Tapetenwechsel«: Wegen der Heirat mit Hirsch verliert sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft und ergattert in den USA zwar einen Siebenjahresvertrag bei der 20th Century Fox mit Festgehalt und Sprachtraining - aber erstmal keine Rollen. Liegt es an ihrer deutschen Herkunft? Oder daran, dass sie den Verführungskünsten von Studioboss David O. Selznick standhält und sich stattdessen in dessen Waschbecken erbricht? Nicht nur in Sachen #MeToo ist Knef ihrer Zeit voraus. »Hildegarde Neff« - unter diesem Namen ist sie im »Hollywood Walk of Fame« verewigt - macht das Beste draus, arbeitet unermüdlich an sich, knüpft Freundschaften mit Superstar Marlene Dietrich und Philosoph Ludwig Marcuse und kommt 1951 zu Dreharbeiten für den US-Kriegsfilm »Entscheidung vor Morgengrauen« und Willi Forsts »Die Sünderin« wieder nach Deutschland. Dass da sechs Sekunden als Aktmodell für einen Maler im Hintergrund ihre nackte Brust zu sehen ist, führt - O-Ton Knef - zu »hemmungslos hysterischen Protesten« im kernseifensauberen Nachkriegsdeutschland. Zu ihrem brennenden Ehrgeiz kommen brennende Lichtspielhäuser. »Der Skandal machte die Produzenten reich und mich lächerlich«, blickt sie später zurück.

Hildegard Knefs Texte und Biografien begleiten viele der Feiern zum 100. Geburtstag am 28. Dezember 2025.
Hildegard Knefs Texte und Biografien begleiten viele der Feiern zum 100. Geburtstag am 28. Dezember 2025. Foto: Claudia Reicherter
Hildegard Knefs Texte und Biografien begleiten viele der Feiern zum 100. Geburtstag am 28. Dezember 2025.
Foto: Claudia Reicherter

1952 ist ihre Ehe Geschichte - dafür dreht sie sieben Filme, darunter »Schnee am Kilimandscharo« mit Gregory Peck und Susan Hayward, und wird von Cole Porter für den Broadway entdeckt. Ihre Ninotschka im Musical bringt ihr von Ella Fitzgerald das Prädikat »beste Sängerin ohne Stimme« ein. Als Weltstar packt sie letztlich »Brille, Pille und Sparbuch« ein und kehrt erneut nach Deutschland zurück. »Ich geb' alles auf und fang' von vorne an«, sagt sich die Knef in den folgenden Jahrzehnten immer wieder.

Denn in der Heimat wird sie von der Klatschpresse weiter gegeißelt: für ihre Beziehung zum noch verheirateten englischen Kollegen David Cameron, genannt Tonio, ebenso wie als Spätgebärende, die mit 42 Jahren Tochter Christina zur Welt bringt, durch ihre öffentlich gemachte Entscheidung zum Facelift und ihre spätere Medikamentensucht. Den »Löwenmut« lässt sich die am 1. Februar 2002 in Berlin verstorbene Kämpferin aber zeit ihres Lebens nicht nehmen. Als dritten Beruf schreibt sie auch noch Bestseller - »Der geschenkte Gaul«, »Das Urteil« - und findet in dritter Ehe mit dem 15 Jahre jüngeren Paul von Schell schließlich den Partner, den sie nicht mehr vergessen will.

Langanhaltender Applaus für das Trio der Tübinger Knef-Hommage: Chris Geisler (links), Eleonore Hochmuth und Manfred Menzel.
Langanhaltender Applaus für das Trio der Tübinger Knef-Hommage: Chris Geisler (links), Eleonore Hochmuth und Manfred Menzel. Foto: Claudia Reicherter
Langanhaltender Applaus für das Trio der Tübinger Knef-Hommage: Chris Geisler (links), Eleonore Hochmuth und Manfred Menzel.
Foto: Claudia Reicherter

Was bleibt, ist eine bemerkenswert vielseitige Intellektuelle, die der Seichtigkeit im bundesdeutschen Unterhaltungsfach und global den männerdominierten Gesellschaften einen Spiegel vorhält. Und 1968 unerhört selbstermächtigend singt: »Für mich soll's rote Rosen regnen«. Wie viele ihrer klugen Texte singen das die Besucher der Knef-Hommage im kleinen Tübinger Theater gern zum runden Geburtstag mit. (GEA)