REUTLINGEN. Vor 14 Tagen war er im Rahmen des Eröffnungswochenendes bei den Salzburger Festspielen im dortigen Dom zu erleben, jetzt in der Reutlinger Marienkirche: der Saxofonist Christian Segmehl. Er schätzt es, Orgel-begleitet in großen Kirchen zu konzertieren. Und nutzt die Dimension solcher Sakralräume auch gleich für geheimnisvoll anmutende Klangspiele. Wenn er, wie im zeitgenössischsten der beim Reutlinger Orgelsommer zu Gehör gebrachten Stücke, Barry Cockrofts »Black & Blue« für Saxofon solo, aus einem dunklen Winkel der Eingangsportal-Seite allmählich hervortritt. Dabei lässt er geradezu zerbrechliche Motive und Melodie-Andeutungen sich im Kirchenschiff verlieren, die in ihrem Changieren zwischen freier Tonalität und Archaik umso eindringlicher wirken.
Sobald er jedoch kurz vor der Kanzel angekommen ist, geht es zur Sache. Da wechselt das Stück von »Black« zu »Blue«, mit Schärfe und straffer Rhythmik, zu der selbst noch der Fuß des Spielers perkussive Impulse beisteuern muss. Was Segmehl genauso souverän beherrscht wie die diversen Spezialeffekte, welche Cockroft vorsieht, der die Klangpalette des Saxofons voll ausreizt. Mit Überblastechniken, kurzen Glissandi, einem Quasi-Pizzicato. Wieder auf der Empore angekommen, lassen er und der Organist Torsten Wille unmittelbar Astor Piazolllas »Oblivion« anschließen. Und das führt vor Ohren, dass bekanntere Komponisten nicht unbedingt die bessere Musik schreiben.
Aus Holsts »Planeten«
Auch Wille brillierte mit zwei Solo-Werken. So übertrug er mit starker sinfonischer Pranke Gustav Holsts »Uranus« aus »The Planets« auf sein Instrument. Die großorchestralen Klangschichtungen des Originals kamen dabei genauso zu Geltung wie das Raffinement der Nebenstimmen, und Holsts seinerzeit kühn die tradierten Gewohnheiten herausgefordert habender Bruitismus wirkte in der Orgelfassung mindestens genauso radikal.
Willes Affinität zur Filmmusik zeigte sich in John Williams »Cantina Band« aus »Star Wars«, das er mit geradezu überschäumendem Temperament musizierte. Gemeinsam mit Segmehl erklang Ennio Morricones »Gabriel‘s Oboe« aus »The Mission«. Segmehl wechselte dabei zum Sopransaxofon und machte deutlich, wie nah gerade dieses Instrument aus der Saxofonfamilie der Oboe steht, und zeichnete wie zuvor schon in Samuel Barbers »Adagio« die Melodielinie samten und innig verströmend nach. Wille begleitete zurückhaltend, doch mit gebotener Substanz und bei Barber zudem mit einer klug aufgebauten Steigerung.
»Rhapsody« mit Saxofon
Den Rahmen dieses Orgelsommer-Konzerts bildete George Gershwin. Vor 100 Jahren schrieb er seine »Rhapsody in Blue«, die bis heute in kaum mehr zählbaren Bearbeitungen vorliegt; die ersten kamen noch von Gershwin selbst. Am bekanntesten ist jene mit Solo-Klarinette. Doch auch das wesentlich dunkler timbrierte Saxofon gewinnt dem Stück seinen Reiz ab. Segmehl spielte es mit genauso viel Virtuosität wie Hingabe, kulminierend in der groß angelegten Solokadenz. Und sage noch einer, Jazzklänge würden auf einer Kirchenorgel nicht funktionieren – von wegen!
Freilich bedarf es dafür jemanden wie Torsten Wille, der seine Zungenregister wie Bigband-Riffs klingen lässt, die Saxofon-Linien neckisch mit der Krummhorn-Klangfarbe durchkreuzt und bei dem die ins Pedalwerk übertragenen Stimmen der originalen Celli und Kontrabässe nicht dumpf vor sich hin grumpfeln, sondern in ihren Konturen erkennbar bleiben. Gelungen auch, wenn Gershwins thematisches Material im Rückpositiv wie aus weiter Ferne nachhallte, bis es in den Einstieg des hymnischen Schlussteils ging. Und mit der Zugabe, Gershwins »Summertime«, entließen Christian Segmehl und Torsten Wille (der mit dem Orgelsommer vor genau zehn Jahren seinen Dienst in Reutlingen angetreten ist) das dankbare Publikum in die laue Sommernacht. (GEA)

