REUTLINGEN. Die Angst vor dem Fremden ist unausrottbar, wie derzeit die unsägliche Stadtbild-Debatte zeigt, die Migranten pauschal als potenzielle Aggressoren diffamiert. Die Juden hatten in ihrer über tausendjährigen Geschichte in Europa immer wieder unter dieser Angst vor dem Fremden zu leiden, obgleich sie längst Teil der europäischen Geschichte und Kultur waren. Als schließlich die bürgerlich-christliche und die bürgerlich-jüdische Kultur vollends zu verschmelzen schienen, brach über sie der Rassenwahn der Nationalsozialisten herein.
Wie die jüdische Kultur sich in Europa in Jahrhunderten mit der christlichen austauschte, sich beide gegenseitig bereicherten, zeigte der Auftritt des Südwestdeutschen Kammerchors Tübingen am Samstag in der katholischen Kirche Peter und Paul im Reutlinger Storlach in der Reihe »Taste und Ton«. Ein Konzert, das an die Novemberpogrome 1938 im Nationalsozialismus erinnerte – und damit an den Beginn der furchtbarsten Phase der Verfolgung und Vernichtung jüdischer Menschen und jüdischer Kultur.
Frühbarocke Psalmvertonung
Wie alt der jüdisch-christliche Austausch ist, zeigte die frühbarocke Psalmvertonung des Italieners Salomone Rossi (1570–1630) für sechsstimmigen Chor. Der elegante Duktus der sechs verflochtenen Stimmen, unter der lebhaften Leitung von Judith Mohr mit beschwingter Energie ausgesungen, hätte auch von Monteverdi stammen können. Diese enge Anlehnung an die Stilistiken der Zeit zog sich durch – und doch brachten die Komponisten auch ein spezifisch jüdisches Element ein: die Verbindung von Lebenszugewandheit und Hingabe, Menschlichkeit und augenzwinkerndem Humor.
Daran hielten Viktor Ullmann (1898–1944) und Ilse Weber (1903–1944) selbst dann noch fest, als sie unter den unvorstellbaren Bedingungen des KZ-artigen Gettos Theresienstadt komponierten. In seine »Drei jiddischen Männerchöre« packt Ullmann einen geradezu trotzigen Humor und verzweifelte Fröhlichkeit. Letztere hätten die souverän agierenden Männer des Chors noch etwas provokanter ausreizen dürfen – was der einzige Kritikpunkt des Abends ist.
Lieder aus Theresienstadt
Wenn die Frauenstimmen ihrerseits mit Ilse Webers »Ich wandre durch Theresienstadt« die Verzweiflung im Konzentrationslager in ein Strophenlied von kindlich reiner Schlichtheit fasst, ist das geradezu zum Weinen bewegend. Dem Todesfuror der Nazis stellt Weber glockenrein-helle Stimmen entgegen: »Ich möcht so gerne weitergehn, ich möcht so gern nach Haus ... wann wohl das Leid ein Ende hat, wann sind wir wieder frei?« Ilse Weber sollte es nicht mehr erleben. Als ein Zug voller Kinder aus Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wird, geht sie freiwillig mit und wird wie alle anderen ermordet.
Es ist dieses Zusammentreffen von Hoffnung und Verzweiflung, Lebensfreude und Wehmut, was dieses Konzert ausmacht. Das Fahle, Lastende drückt sich perfekt aus in György Ligetis kurioser Orgel-Etüde Nr. 1, in der Organist Martin Neu alle zehn Finger permanent auf den Tasten halten muss, während sein Registrant die Registerzüge nur halb herausziehen darf. Aus dem ächzenden Schnaufen wie von einer alten Rolltreppe bauen sich neblige Klangfelder auf, die da sind und doch auch wieder nicht; eine geisterhafte Erscheinung, ehe alles mit dem am Ende ausgeschalteten Orgelmotor verröchelt. Heinrich Kaminskis Orgelstück »Meine Seel' ist stille« führt ganz anders in die Tiefen der Wehmut: hingebungsvoll melodisch und voller Wärme die Bassregionen auslotend.
Differenziert gestaltet
Der Chor wiederum bringt die Reibeharmonien des 1950 geborenen Menachem Wiesenberg wunderbar zum Funkeln. Entfaltet in Giacomo Meyerbeers Vater-unser-Vertonung einen dezenten Hauch von Opern-Grandezza und findet in Louis Lewandowskis (1821–1894) gesungenem Gebet »Enosh« zu einer mild und weich dahinfließenden Konsistenz. Bewundernswert, wie differenziert der Chor unter seiner Leiterin Judith Mohr gestaltet, wie er Tempo und Lautstärke fein reguliert, Pianostellen leise leuchten, freudige Passagen hell strahlen lässt.
Zwischendurch flicht Alija Giebel eine kenntnisreiche Bildbetrachtung zu einem Früchte-Stillleben der aus Reutlingen stammenden jüdischen Malerin Alice Haarburger ein, auch sie ein Opfer der Nazis. Ehe das Konzert mit dem rhythmisch markanten »Love Endureth« von Roxanna Panufnik (*1968) endet. Möge die Liebe das letzte Wort haben. In diesem Fall hatte es der jüdische Romantiker Salomon Jadassohn mit seinem in anschmiegsame Melodik gehüllten »Ich hebe meine Augen auf«. (GEA)


