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Romantikland ist abgebrannt

Axel Ranisch macht aus Engelbert Humperdincks »Hänsel und Gretel« eine peppige, ironisch gebrochene Dystopie.

Gretel (Josefin Feiler), die Hexe (Rosie Aldridge) und Hänsel (Ida Ränzlöv) vor dem Knusperhaus.  FOTO: MATTHIAS BAUS/STAATSOPE
Gretel (Josefin Feiler), die Hexe (Rosie Aldridge) und Hänsel (Ida Ränzlöv) vor dem Knusperhaus. FOTO: MATTHIAS BAUS/STAATSOPER STUTTGART
Gretel (Josefin Feiler), die Hexe (Rosie Aldridge) und Hänsel (Ida Ränzlöv) vor dem Knusperhaus. FOTO: MATTHIAS BAUS/STAATSOPER STUTTGART

STUTTGART. Von wegen Waldromantik! Schon während der Ouvertüre wird damit aufgeräumt, wird das Publikum in die virtuelle Realität eines nur anfangs noch intakten Waldes gezogen. Die Kamerafahrt führt aus der grünen Idylle über eine immer dichter werdende Feuerbrunst in eine apokalyptische Wüstenei aus qualmenden, kokelnden Baumstümpfen. Und flugs sind wir in unserer eigenen Realität sterbender Wälder gelandet.

Visuell wirkungsvoller als in der Stuttgarter Produktion von Engelbert Humperdincks spätromantischer Oper »Hänsel und Gretel«, die jetzt Premiere hatte, kann man Ouvertüren wohl nicht nutzen. Der Regisseur Axel Ranisch und sein Team bleiben aber nicht in der Gegenwart, sondern verlegen das Märchen in die Zukunft.

Schon während der ersten Szene tauchen zwischen kahlen Mammutbäumen, über denen ein riesenhafter Vollmond romantische Ironiesignale verstrahlt, finstere Gestalten auf: dystopische Gesichtslose in orange-roten, spacigen Kapuzenschutzanzügen. Während die hungrigen Besenbinder-Kinder mit anderem armem Waldbewohner-Nachwuchs zu »Brüderchen, komm tanz mit mir« allerlei Choreos vollführen – die sich bei Tiktok sehen lassen könnten –, murksen die zwielichtigen Gesellen unbemerkt ein paar der Kids ab und zerren sie in dunkle Schächte: als Armee der bösen Hexe, die dann ebenfalls vorzeitig ihren Auftritt hat.

Prall gefüllte Maxihandtasche

Die Kinderverführerin steht da im Walde, wenn Gretel vom »Männchen mit dem purpurroten Mäntelein« singt. Die Hexe tritt hier natürlich nicht als warzennasige, schlampig gekleidete Alte in Erscheinung, sondern als Upper-Class-Tante mit onduliertem Haarschopf, rotem Samtjäckchen und prall gefüllter Maxihandtasche, aus der sie später einen goldenen, multifunktionalen Klappbesen ziehen wird. Eine überdrehte Schein-Charity-Queen, die sich bei den hungernden Kindern mit Süßis einschleimt. Da haben sich Hänsel und Gretel längst verlaufen im finsteren Wald.

Hänsel und Gretel, das sind in Ranischs Inszenierung keine kleinen Kinder, sondern heutige Teenager. Es ist verdammt gut, wie Josefin Feiler und Ida Ränzlöv die beiden spielen und singen. Feiler verleiht der Gretel (mit Brille!) Klugheit und Frühreife, auch körperlich, was sie gelegentlich hüftschwingend zum Ausdruck bringt. Ränzlöv (mit Rappercap) gibt Hänsel als schlaksigen, noch verspielten, hippeligen Teenie. Glaubwürdige Darstellung paart sich hier mit ebensolchen Stimmen. Beide brillieren durch jugendliches Timbre, schlackenfrei hell, geschmeidig, mit einem großen authentischen Ausdrucksspektrum – von kindlicher Angst bis hin zu jugendlich-ungehemmter Euphorie. Und wunderschön die Duette wie dem »Abendsegen«, in denen die beiden Stimmen ideal harmonieren.

Und von wegen Knusperhäuschen! Die Geschwister landen in der Bonbon-Fabrik »Leckermaul« – im verbrannten Teil des Waldes –, deren Besitzerin, die vermeintlich Wohltätige, alsbald ihr grausiges Geheimnis lüftet: Darin werden die toten Kinder zu riesigen Zuckerdrops verarbeitet. Essen-aus-Menschen-machen-Maschinen kennen wir schon aus »Max und Moritz« und aus dem Science-Fiction-Klassiker »Soylent Green«. Wirkt hier jetzt auch gruselig: Wie da Menschenpuppen von Greifzangen in einen Riesenmixer geworfen werden und als jene Riesengutsle in den Glas-Silo fallen, die Hänsel und Gretel zuvor in sich hineingefuttert hatten. Rosie Aldridge beherrscht auch gesanglich das große Hexen-Einmaleins: die Klangfarben der Verstellung, furiose Hochtöne, schadenfroheste Lachsalven: jeder Ton vollgesogen mit bösen Hintergedanken. Ein grandioser Auftritt.

Ohne Brüche

Überhaupt ist es auch musikalisch eine auf allen Ebenen erstklassige Produktion: In der Leitung der russischen Dirigentin Alevtina Ioffe zieht das Staatsorchester die Ohren in den unmittelbar wirkenden unendlich-melodischen Sog, der satt-romantischen Breitwandsound, große Oper, weich federnde Tänzchen und luftig und neckisch begleitete Kinderlieder ohne Brüche miteinander verbindet. Selten nur schafft es eine Stimme mal nicht ganz über den Orchestergraben oder wackelt die Koordination zwischen Bühne und Graben. Humperdincks wagnernde Musik – mit so viel Zucker für die Ohren, als müsse sie ständig die Glasur der Lebkuchen erneuern – kommt hier zur schönsten Entfaltung.

Und klar: Am Ende, nachdem Gretel den Hexen-Zauber umgedreht, die Böse im Glas-Silo eingesperrt, gefangene Kinder und dystopische Helfer befreit hat, dürfen sich die Geschwister und ihre Eltern (Shigeo Ishino als milder Vater und Catriona Smith als strenge Mutter) in die Arme schließen. Ende gut. Aber alles gut? Ob die merkwürdigen blaublumigen Pilze, die das Taumännchen (Claudia Muschio) dem befreiten Kinderhaufen kredenzt, wirklich die Lösung für die Hungernden ist? Der Applaus am Ende jedenfalls war gewaltig. (GEA)