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Rockig, rotzig, roh: New Model Army im Tübinger Sudhaus

Ehrliche Energie und ein brachialer Bass sorgten beim Konzert von New Model Army im Tübinger Sudhaus für beste Stimmung. Auf den Auftritt hatten die Fans lange warten müssen.

Symbolische Umarmung der Fans: Sänger Justin Sullivan von New Model Army zelebriert die Rock-Messe im Sudhaus.
Symbolische Umarmung der Fans: Sänger Justin Sullivan von New Model Army zelebriert die Rock-Messe im Sudhaus. Foto: Ulrich Schertlin
Symbolische Umarmung der Fans: Sänger Justin Sullivan von New Model Army zelebriert die Rock-Messe im Sudhaus.
Foto: Ulrich Schertlin

TÜBINGEN. Ein Jahr mussten die Fans von New Model Army auf das ausverkaufte Konzert im Sudhaus warten – 2024 hatte sich Drummer Michael Dean einen Nerv im Arm eingeklemmt, sodass die Tour zum damals erschienen Album »Unbroken« abgebrochen werden musste. Am Freitag aber brachten die Briten aus Bradford den großen Saal im Sudhaus mit ihrer Performance zum Kochen.

Seit mehr als 45 Jahren ist die Band um Sänger und Gitarrist Justin Sullivan (69) aktiv und zählt zu den einflussreichsten Bands des englischen Punk, Folk- und Gothic-Rock. Ihrem Indie-Musikstil, überwiegend geprägt vom charakteristischen gefühlvollen Gesang Sullivans plus dem Zusammenspiel von Gitarren und Bass, sind sie seit den 80er-Jahren treu geblieben und haben sich eine große Fan-Armee erspielt.

Anheizer aus Nordirland

Als Anheizer erfüllten die Preyrs aus Nordirland voll und ganz ihren Job. Nach einer dreiviertel Stunde übergab Sängerin Amy Montgomery – bekannt von zahlreichen Auftritten im Reutlinger Pappelgarten – die Bühne an die Briten. Ohne Pomp, Protz, Laser- oder Pyro-Effekte ziehen New Model Army das Publikum vom ersten Song in ihren Bann – mit gefühlvollem Gesang, rotzig-rockigen Gitarren, einem brachialen Bass und fein temperierten Keyboardklänge.

In ihren Songs mischen sich seit jeher Sullivans persönliche Erfahrungen, politische und gesellschaftliche Themen wie Krieg, Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit, wobei der Bandleader klarstellt: »New Model Army ist keine politische Band«. Es ist diese Melange aus Wut, Protest und Melancholie, welche die Energie und den Spirit auf das Publikum überträgt.

Alt und modern zugleich

Zwar klingen die meisten Tracks auf dem »Unbroken«-Album klar nach den »alten« New-Model-Army-Songs, dennoch wartet das mittlerweile 15. Studioalbum mit klanglicher und rhythmischer Weiterentwicklung auf, ohne dabei zu »anders« als gewohnt zu klingen. Beim Anhören fragt man sich tatsächlich: Ist das eine alte oder eine sehr moderne Platte? Auf jeden Fall hat »Unbroken« einige Tracks mit Hitpotenzial parat – genannt seien das hymnische »Cold Wind« und »Do You Really Want To Go There?«.

Das Publikum im Sudhaus, teils von weither angereist, bekam aber vor allem einen musikalischen Querschnitt der Bandgeschichte auf die Ohren. »Here Comes the War«, »Notice Me« oder »Angry Planet« sind Selbstläufer und Klassiker, die das hüpfend- und tanzende Publikum auswendig mitsingen kann – sehr zur Freude von Justin Sullivan, der mit einem Lächeln im Gesicht auf die Fangemeinde blickte. »Wir spielen gerne in kleinen Städten – wir kommen selber aus einer«, verrät der 69-jährige. Energiegeladen und mit Hingabe feuerten auch der rotmähnige Bassist Ceri Monger und Leadgitarrist Dean White ihre Soundsalven ab – Spielmüdigkeit war bei den älteren Herren nicht zu entdecken.

Inbrünstige Balladen

Etwas Ruhe brachten die wenigen langsamen, melancholischen Balladen in die Menge, die Sullivan inbrünstig mit geschlossenen Augen singt. Dann legt er aber wieder los mit »See You In Hell« und dem 1989 erschienenen »225« – und erneut wogt die Masse.

Nach fast zwei Stunden handgemachter, feiner Musik hat das Publikum immer noch nicht genug. Zweimal klatschen und jubeln die Anhänger frenetisch die Briten für jeweils zwei Zugaben wieder auf die Bühne – nach »Vagabonds« und »51st State« (dem wohl bekanntesten Song) ist endgültig Schluss. Man blickt in schweißnasse aber glückliche Gesichter – bei den Fans und bei den Musikern. (GEA)