Logo
Aktuell Konzert

Revolution mit Akkordeon: Rainer von Vielen im Reutlinger franz.K

Rainer von Vielen kommt aus dem Allgäu, bringt Stimmung und Botschaft, weiß, wie man wilde Popmusik macht mit traditionellen Instrumenten. Im franz.K stellte er sein neues Album vor, das durchaus überrascht

Der Akkordeon-Mann: Rainer von Vielen.
Der Akkordeon-Mann: Rainer von Vielen. Foto: Thomas Morawitzky
Der Akkordeon-Mann: Rainer von Vielen.
Foto: Thomas Morawitzky

REUTLINGEN. Kempten liegt im Allgäu, hat mit 67.000 Einwohnern nur wenig mehr als die Hälfte der Bevölkerung Reutlingens und hat doch einen Rainer von Vielen hervorgebracht. Einen höchst eigenständigen Entertainer, der das Akkordeon schwingt, die Mundharmonika bläst, der rappt und singt, seine Stimme in Tiefen fallen lässt, in denen sonst nur Didgeridoos erklingen. Er hat eine große Stilvielfalt im Gepäck, außerdem ein neues Album am Samstagabend im franz.K. »Bergen« heißt es und ist zwei Wochen vor dem Reutlinger Konzert erschienen; sein Cover zeigt ein Schiff auf einem verschneiten Berggipfel.

Es ist das erste neue Album, das Rainer, der eigentlich Hartmann heißt, mit seiner Band seit 2017 vorlegt. Zwischenzeitlich war er Teil der Weltmusikband Orange, nahm ein Ambient-Album auf. Früher gehörte er der Band um Anne Clark an, und erst in diesem Frühjahr war er mit Kehlkopfgesang Teilnehmer des Kammermusikfestivals »Schönheit der Stimmen« in der Elbphilharmonie. Ein vielseitig Begabter, aufmüpfig, sehr sympathisch. Faschisten mag er nicht, dass sein Publikum sich empöre, wünscht er sich. Zu beiden Themen hat er Lieder im Programm. Das Publikum, zahlreich erschienen im franz.K, singt sie mit ihm. »Alle Faschos werden untergehen« stammt im Original von Woody Guthrie – »All you Fascists are bound to lose« ist 81 Jahre alt.

Dunkel bis Groove-verliebt

»Bergen« hat autobiografischen Hintergrund, ging aus einem Theaterprojekt hervor – vielleicht ein Grund, warum sich im Programm dieses Mal viele ruhigere, emotionale Stücke finden. Die schnelleren Songs kommen deshalb nicht zu kurz. Rainer von Vielen beginnt mystisch, dunkel mit seinem Kehlkopfgesang, in den sich langsam Beats mischen. Eine getragen-rhythmische Musik entsteht, auf der das Akkordeon mit weiter Melodie tanzt. Auch der zweite Song stammt vom neuen Album, kommt flotter daher, heißt »Euphorie«. »Komm, Kater komm!« ist ein älteres Stück, lebhaft-verspielt, eine erste Einladung zum Tanz.

Zur Band gehört Jürgen Schlachter, der locker und Groove-verliebt trommelt, Mitsch Oko alias Michael Schönmetzer, der auf der akustischen und elektrischen Gitarre prägnante, manchmal auch bluesige Figuren spielt, und Dan le Tard alias Daniel Schubert am Bass. Funk und Hiphop treten ein ins Stilgemisch, Reggaehaftes taucht auf, handfester Rock. Rainer von Vielen singt auch mal ganz hoch, die Band zelebriert Gangster-Rap mit jodelndem Akkordeon. »Gegen Verführung« beruht auf einem Text von Brecht, den die Band mit Einwilligung des Suhrkamp-Verlages vertonte. Und ein Geburtstagsständchen gibt es auch. (GEA)