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Reutlinger Sparkurs: Aus für Theateroffensive, Kulturnacht und inklusives Theater?

Theateroffensive, Kulturnacht, inklusives Theater: Wo bei der Stadt Reutlingen im Kulturbereich gekürzt werden soll.

Verzauberte Stadt: Lichtkunst von Matthias Rapp auf der Fassade des Spitalhofs bei der Reutlinger Kulturnacht im September 2025.
Verzauberte Stadt: Lichtkunst von Matthias Rapp auf der Fassade des Spitalhofs bei der Reutlinger Kulturnacht im September 2025. Foto: Jürgen Meyer
Verzauberte Stadt: Lichtkunst von Matthias Rapp auf der Fassade des Spitalhofs bei der Reutlinger Kulturnacht im September 2025.
Foto: Jürgen Meyer

REUTLINGEN. Dass sich im Haushaltsplanentwurf der Stadt Reutlingen eine Liste der Grausamkeiten verbergen könnte, war befürchtet worden. Nun gehören das Theater Lindenhof, das inklusive Projekt von BAFF mit dem Theater Die Tonne und die Reutlinger Kulturnacht zu den Leidtragenden.

»Wir brauchen Stabilität über unsere kommunalen Partner, die zu uns stehen«, sagt Stefan Hallmayer, Intendant des Theaters Lindenhof in Melchingen. Dass die Stadt Reutlingen, eine von zwei Dutzend Städten und Gemeinden, mit denen das Theater kooperiert, die langjährige Kooperation Anfang Dezember gekündigt hat, sei überraschend gekommen und schmerze. Die Stadt tue damit dem Theater mehr weh, als sie sich selbst helfe, sagt Hallmayer.

Ein Standbein, das wackelt

Es geht um die jährliche Summe von 20.000 Euro, die der Lindenhof bisher bekam und die Reutlingen ab 2027 nicht mehr aufzubringen bereit ist. Da die Förderung des Theaters Lindenhof durch das Land Baden-Württemberg an die kommunalen Zuschüsse gekoppelt ist, bedeutet diese Kürzung für das Theater, dass ihm auch 40.000 Euro an Landesmitteln wegbrechen.

»Dem Theaterhaushalt fehlen damit insgesamt 60.000 Euro«, rechnet Hallmayer vor. Wenn von der Stadtverwaltung gesagt worden sei, dass die geplanten Kürzungen die Institutionen nicht gefährden würden, stimme das für den Lindenhof nicht. Er finanziert sich als Privattheater zu über 50 Prozent aus den Einnahmen durch den Ticketverkauf. Ein weiteres wichtiges Standbein ist die Kooperation mit zwei Dutzend Städten und Gemeinden, die dem Theater einen festen jährlichen Zuschuss zusichern - ein Standbein, das laut Hallmayer »gefährlich zu wackeln beginnt«.

Der Lindenhof ist über die seit 1997 bestehende Theateroffensive - ein theaterübergreifendes städtisches Abo-Angebot mit Aufführungen unter anderem auch des Theaters Die Tonne und des Landestheaters Tübingen - Teil der Reutlinger Kultur. Wird die Theateroffensive ersatzlos gestrichen - und sie wird gut nachgefragt, für das Abo gibt es eine Warteliste -, fallen vier Aufführungen allein des Lindenhofs dadurch weg. Und dem Theater fehlen die genannten 20.000 Euro der Stadt plus die Komplementärförderung durch das Land.

Nächster Beitrag des Lindenhofs zur Theateroffensive: »What is Love?«
Nächster Beitrag des Lindenhofs zur Theateroffensive: »What is Love?« Foto: Theater Lindenhof
Nächster Beitrag des Lindenhofs zur Theateroffensive: »What is Love?«
Foto: Theater Lindenhof

Das Landestheater Tübingen ist mit einem verminderten Zuschuss der Stadt Reutlingen in Höhe von 10.000 Euro betroffen. Die Stadt Reutlingen will dem LTT statt wie bisher 150.000 Euro noch 140.000 Euro pro Jahr überweisen. Das LTT ist mit seinem Abendspielplan bislang lediglich noch über die Aufführungen im Rahmen der Theateroffensive an die Reutlinger Kultur angebunden.

Schmerzliche Einschnitte

Das Theater Die Tonne rechnet vor, dass ihm im Zuge der Streichung der Theateroffensive knapp 10.000 Euro fehlen werden. Plus ein Betrag in ähnlicher Höhe für Miete und Personal, den die Stadt der Tonne für die Theateroffensive bisher noch zahlt, wenn Lindenhof, LTT und Co. in den Räumen der Tonne auftreten. Hinzu kommt ein weiterer schmerzlicher Einschnitt. Die komplette Summe von 12.000 Euro, die die Stadt bisher als Zuschuss für die »Sparte Theater mit Menschen mit Behinderung« gibt, soll gestrichen werden. Die Stadt argumentiert, dass sich das mit der »Sparte« erübrigt habe. Die Schauspielerinnen und Schauspieler mit Förderbedarf seien mittlerweile ein fester Bestandteil des Theaters Die Tonne. Der Träger »BAFF - Bildung Aktion Feste Freizeit« möge sich deshalb wegen einer Unterstützungsleistung nicht an die Stadt, sondern an die Tonne wenden.

Die Tonne ist bundesweit bekannt als Theater mit inklusivem Ansatz.
Die Tonne ist bundesweit bekannt als Theater mit inklusivem Ansatz. Foto: Beate Armbruster
Die Tonne ist bundesweit bekannt als Theater mit inklusivem Ansatz.
Foto: Beate Armbruster

»Die Kürzungen und Beschneidungen gehen deutlich über das hinaus, was Kulturschaffende unter der Überschrift 'Die Lage ist so ernst wie immer' qua Profession kennen«, sagt Stefanie Krug von der Lebenshilfe Reutlingen beziehungsweise BAFF. Das betreffe neben dem Kulturbereich alles, was unter »Freiwilligkeitsleistungen« und nicht »Pflichtleistungen« geführt werde, meistens in enger Verflechtung von Zuschüssen des Landes und der Kommunen. »Wir wehren uns mit aller Kraft, dass wir auf eine Situation zulaufen, in der Bildungs- und Freizeitangebote, also soziale Teilhabe in der Behindertenhilfe, wieder zum Luxusgut erklärt werden, das im Zweifelsfall gestrichen werden kann. Wir wollen nicht zurück ins 19. Jahrhundert, als 'satt und sauber' für Menschen mit Unterstützungsbedarf reichen musste.«

Alleinstellungsmerkmal der Tonne

Die 12.000 Euro der Stadt werden bisher für Schauspielunterricht, Sprecherziehung und Bewegungstraining ausgegeben. Zweimal pro Woche haben die Mitglieder des inklusiven Ensembles der Tonne Unterricht bei externen Dozentinnen und Dozenten. An der Tonne ist man fest entschlossen, »alles in Bewegung zu bringen, dass das erhalten bleibt«, wie Intendant Enrico Urbanek sagt. Das inklusive Ensemble sei »eines unserer Standbeine und ein Alleinstellungsmerkmal, das weit über Reutlingen hinaus Beachtung findet«.

Alle Betroffenen wollen mit der Stadt und den Gemeinderatsfraktionen weiter Gespräche führen, bevor der städtische Doppelhaushalt 2026/27 am 26. März 2026 verabschiedet wird. Der Verein Netzwerk Kultur Reutlingen, der auf seiner Homepage betont, dass »Kultur kein Luxus, sondern die Basis für Teilhabe und Demokratie ist«, hat in der Vergangenheit schon Erfahrungen gesammelt. Schon einmal hat die Stadt für die vom Netzwerk Kultur organisierte Reutlinger Kulturnacht keinen Zuschuss eingeplant. Durch einen Antrag der CDU-Fraktion wurden dann für die Kulturnacht 2025 doch 10.000 Euro zugesagt - und durch die Verwaltung später weitere 10.000 Euro. »Wir werden dazu auch diesmal auf die Fraktionen zugehen«, sagt Netzwerk-Kultur-Geschäftsführerin Edith Koschwitz. Denn für die geplante Kulturnacht 2027 ist kein städtischer Zuschuss vorgesehen.

Geldwerte Leistungen

»Wir sehen durchaus die prekäre finanzielle Situation«, so Koschwitz, »aber wir sind keine Bittsteller, erbringen mit unserem Engagement durchaus geldwerte Leistungen, unterstützen unsere Stadt und die Kulturszene. Wir denken, die Mittel, die wir erhalten haben, generierten einen deutlichen Mehrwert. Aus unserer Sicht kann nicht alles mit Streichung beantwortet werden, es braucht auch eine Strategie.« (GEA)