REUTLINGEN. Auf die Frage, wer denn schon so richtig in Weihnachtsstimmung sei, flogen nicht allzu viele Hände in die Luft am Dienstagabend in der Reutlinger Stadthalle. Hätte Moderator Juri Tetzlaff am Ende nochmal nachgefragt bei diesem Weihnachtskonzert in der Kaleidoskop-Reihe, das Ergebnis wäre anders ausgefallen. Die Württembergische Philharmonie hatte mit ihrer Chefdirigentin Ariane Matiakh den »Weihnachtsturbo« gezündet, wie Tetzlaff es formulierte. Gemeinsames »O du fröhliche«-Singen inklusive.
Nur führt das mit dem »Turbo« in die Irre. Die Tür zu Kerzenschimmer, Glöckchenklang und Märchenflair öffnet man nicht mit der Brechstange. Sondern mit Charme, Esprit. Genau das zeichnet den Abend aus, wie luftigleicht Ariane Matiakh diese Aura des Märchenhaften mit ihren Musikern in den Saal zaubert. In Karel Svobodas Musik zum Weihnachtsklassiker »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« zum Beispiel. Die Musik lässt alle Erdenschwere hinter sich, gibt Raum für immer neue magische Momente von Flöte, Klarinette, Harfe, umglitzert vom (elektrischen) Cembaloklang. Als hätte eine Fee die Musik mit dem Zauberstab angetippt.
Märchenwelten in Tönen
Märchenwelten nehmen so Gestalt an im Saal, luftige Fantasiegebilde aus Tönen und verklärten Bildern im Kopf. Auch der »Nussknacker« aus Tschaikowskis Ballett, lebendig gewordenes Geschenk unterm Weihnachtsbaum der kleinen Klara. Quirlige Spielzeugwelt in beseelt dahinschwingenden Tönen, im Marsch mit glitzernden Trompeten, im Trepak und dem »Tanz der Zuckerfee« mit seinem Celesta-Funkeln.
Wie Tschaikowski zur Celesta kam, wie der Nussknacker sich zum Prinzen wandelt und ein anderer Prinz sich in eine Schwanenprinzessin verliebt, all das erzählt Moderator Juri Tetzlaff ungemein charmant. Als Kinderkanal-Urgestein hat er einen Draht zum Kind in sich und zu dem in den Gästen. Die verwickelt er in Quizfragen, findet eine Besucherin, die spontan »Ihr Kinderlein kommet« auf dem Kazoo bläst.
Auf Dauerschlittenfahrt
Das Orchester wiederum ist auf Dauerschlittenfahrt, ständig bimmeln die Glöckchen, klappern die Hufe, in Leroy Andersons »Sleigh Ride«, sprich Schlittenkutschfahrt, in Svobodas »Aschenbrödel«-Musik, selbst im Soundtrack zum Animationsfilm »Polar Express«. Obwohl ein Dampfzug im Normalfall über keine solchen verfügt. Nun gut, der hier fährt immerhin zum Weihnachtsmann. Bloß macht der bimmelnde Glitzerglanz nur Sinn, wenn es dahinter eine Finsternis zum Erleuchten gibt. Auch diese Dunkelheit kommt zu ihrem Recht. In Georgi Swiridows Musik aus »Der Schneesturm« etwa: als Wintergewitter samt Hagel von der kleinen Trommel.
Auch die »Schwanensee«-Musik von Tschaikowski hat ihre düstere Seite hinter der betörenden Melodik von Oboe, Streichern, Flöten, Klarinette. Im Finale entlädt sich dunkle Dramatik. Stirbt der Prinz, der irrtümlich der Falschen die Treue schwor? Stirbt die Prinzessin, die ein böser Fluch verwandelte? Tetzlaff lässt es offen. Im Saal jedoch hat die Tragik nicht das letzte Wort, sondern das gemeinsame »O du fröhliche«, der nimmerendende Glöckchenklang. Die Hoffnung siegt. Zumindest an Weihnachten. (GEA)



