REUTLINGEN. Und wieder ist es ein Neuer, der vor den jungen Sängern des Knabenchors Capella Vocalis steht im Musiksaal des Reutlinger Listgymnasiums. Johannes Kaupp beginnt mit Lockerungsübungen für den Schultergürtel, ehe es an die Einsingübungen geht – und schließlich an eine Nummer aus Johann Sebastian Bachs »Weihnachtsoratorium«.
Es war zuletzt viel Bewegung auf der Chefposition der Capella. 2022 ging der langjährige Leiter Christian Bonath nach Dresden zu den Kapellknaben. Auf den rührigen Wormser folgte der Stuttgarter Hermann Dukek. Der bereits nach zwei Jahren an Benedikt Engel übergab. Welcher gerne geblieben wäre, jedoch nach einem Jahr ein Pflichtpraktikum antreten musste als Altlast seines Kirchenmusikstudiums. Versuche, beides zu vereinbaren, scheiterten. Schade für Engel, der einiges wieder aufgebaut hat. Waren dem Chor doch Knabenstimmen weggebrochen, weil die Schulen während Corona lange dicht waren für die Nachwuchswerbung.
Mitgliedertief überwunden
Da hat sich was getan: Hatte Engel bei seinem Antritt noch ein überschaubares Häuflein an Knabenstimmen vor sich, so haben sich die Reihen der Altisten und Sopranisten sichtlich gefüllt. Die Nachwuchsarbeit weiter zu intensivieren, ist Kaupp ein wichtiges Anliegen. Die Schulbesuche will er fortführen, zusätzlich größere Projekte mit mehreren Schulklassen in Angriff nehmen. »Es geht um unsere Sichtbarkeit«, betont Jan Jerlitschka, langjähriges Mitglied, inzwischen Solist und Stimmbildner des Chors.
Jerlitschka vertritt Kaupp derzeit in vielen Proben, leitet den Chor teils auch bei Konzerten. Denn Kaupp wird derzeit noch anderweitig beansprucht: Er macht bis nächsten Sommer sein Referendariat fürs Lehramt am Gymnasium in Altensteig im Schwarzwald. Tatsächlich hat er erst auf Lehramt studiert, in Mainz, mit den Fächern Musik und Englisch, ehe er in Freiburg den Bachelor und Master in Chorleitung dranhängte. Chorleitung, nicht Schuldienst, ist sein Berufsziel; Zur Sicherheit will er sich Letzteren aber als Option offenhalten, deshalb das Referendariat.
Aufgewachsen im Schwarzwald
Aufgewachsen ist Kaupp im Dörfchen Waldachtal im Schwarzwald, sein Abi hat er in Freudenstadt gemacht. Am Ende seines Schulmusikstudiums war er eine Zeitlang in Wien, schrieb dort seine Masterarbeit. Darin übertrug er ein Prinzip aus der Sportwissenschaft auf die Chorprobe: das »differenzielle Lernen«. Es gehe darum, dass man bestimmte Abläufe nicht immer gleich einstudiert, sondern variiert, erklärt er. Damit man flexibel bleibt, denn bei der Aufführung seien auch nie alle Parameter jedes Mal gleich.
Am theoretischen Hintergrund fehlt es Kaupp also nicht. An Chorleitungspraxis ebenso wenig. Schon in seiner Mainzer Zeit war er als Chorleiter aktiv. In Wien hat er einen eigenen Chor gegründet, das Ensemble Vokal Pur. Mit diesem arbeitet er projektweise nach wie vor, genau wie mit dem von ihm gegründeten Stemning Ensemble aus angehenden Profisängern. Zudem leitet Kaupp vierzehntägig Proben beim Kammerchor des Hochschwarzwalds und wöchentlich beim Chor der Universität Hohenheim.
Europäisches Kulturgut
Bei der Capella kann er nun junge und sehr junge Sänger an die klassische Chormusik heranführen. Ihn reize es, den Jugendlichen dieses großartige mitteleuropäische Kulturgut zu vermitteln. Dass er sein Debüt gerade mit Bachs Weihnachtsoratorium feiert, am 26. Dezember mit der Württembergischen Philharmonie in der Stadthalle, sieht er als Privileg. »Es passt ja auch, als Sinnbild für einen Neuanfang unserer gemeinsamen musikalischen Reise.«
Die Capella, lobt er, habe eine hohe emotionale Ausdruckskraft. Was ihm ermögliche, Bachs Oratorium zu »erzählen«. »Das ist ja nicht nur eine Folge von Nummern, sondern eine richtige Geschichte, die es zu vermitteln gilt.«
Aufführungsinfo
Der Knabenchor Capella Vocalis und die Württembergische Philharmonie Reutlingen führen unter der Leitung von Johannes Kaupp das »Weihnachtsoratorium« von Johann Sebastian Bach am zweiten Weihnachtsfeiertag, 26. Dezember, um 17 Uhr in der Stadthalle Reutlingen auf. Zu hören sind die Kantaten eins, drei, vier und sechs. (GEA)
www.wuerttembergische-philharmonie.de
Sein Engagement sieht er längerfristig. Nach den vielen Leiterwechseln sei es wichtig, Stabilität in den Chor zu bringen. Neben der Nachwuchsarbeit will er auch die Tournee- und Austauschaktivitäten intensivieren. Eine Konzertreise in die Schweiz ist geplant, der Knabenchor aus dem kanadischen Montreal hat sich für Juli zum Besuch angesagt, an anderem wird noch getüftelt.
In der Probenarbeit, ist Kaupp überzeugt, geht es nur über den Spaß. »Wenn die Jugendlichen Freude am Musizieren haben, kommt vieles von alleine.« Die Begeisterung beim Singen sei wichtiger, als jeden Ton zu treffen. Was nicht heißt, dass Kaupp kein Auge auf die Details hätte. In der Probe mit den Jüngeren des Chors korrigiert er freundlich, aber bestimmt eine Phrase, die nicht die federnde Leichtigkeit hat, wie er es sich vorstellt. Und erklärt sehr plastisch, warum er es so haben will. Verblüffend, wie prompt die Knaben das umsetzten. Man darf gespannt sein auf die Aufführung in der Stadthalle. (GEA)



