REUTLINGEN. Wohl keine Künstlerbiografie trifft das Klischee vom unglücklichen Genie so perfekt wie Vincent van Gogh. Je kühner er in seinen Bildern die Moderne vorwegnahm, desto katastrophaler scheiterte er im Privaten. Ein Sonderling, zu unbeugsam auf die Wahrhaftigkeit seiner Kunst fixiert, als dass er sich irgendwo einfügen konnte.
Nun widmet ihm die Regisseurin Winni Victor eine Produktion in ihrer Reihe »Reutlinger Kammeroper«. Das Einpersonenstück stammt von Grigori Frid (1915–2012), der auch das 2015 von Victor auf die Bühne gebrachte Musiktheater über Anne Frank komponiert hat. So wie Frid sich dort auf die Tagebuchaufzeichnungen der jüdischen Jugendlichen stützte, die später im KZ umkam, hat er nun den Text für das Libretto komplett Briefen van Goghs entnommen, zumeist an seinen Bruder Theo.
Durch die Augen des Protagonisten
Damit ist der Ton gesetzt, im Sinne einer radikalen Subjektivität. Frid urteilt nicht, er lässt den Zuschauer die Welt stattdessen durch die Augen des verzweifelnden Genies sehen. Ob van Gogh psychisch krank war, ob er erschossen wurde, sich selbst die fatale Schusswunde zufügte oder Opfer eines unglücklichen Unfalls wurde, bleibt hier konsequent offen. Das Publikum soll sich sein eigenes Bild machen.
Frids Musik dazu ist atonal, nicht verwunderlich für einen Komponisten, der Alban Berg und Arnold Schönberg bewunderte und seinerseits Mentor Sofia Gubaidulinas war. Und naheliegend, um eine Figur zu charakterisieren, die daran scheitert, sich in eine Art gesellschaftlicher Harmonie – oder Tonalität – einzufügen. Man erinnert sich an Alban Bergs »Wozzeck«, der seinerseits familiäres Glück sucht und doch immer ein Ausgestoßener bleibt, der Gesellschaft wie der Tonalität entfremdet.
Bruch mit dem Vater
Als ein Ausgestoßener fühlte sich wohl auch van Gogh. Dem Vater einem evangelikalen Prediger, ist der Kunstrebell ein Graus. In Paris stößt der junge Künstler mit seinen Szenen aus der einfachen Arbeiterschaft die etablierte Kunstszene vor den Kopf. Dass er sich mit einer Frau liiert, die sich zuvor prostituiert hat, um die Familie durchzubringen, sorgt für einen Skandal.
Dabei träumt van Gogh innig von Gemeinschaft und Geborgenheit, sucht sie in einer Künstlerkolonie unter Gleichgesinnten. Sein einziger Halt jedoch bleibt sein Bruder Theo, der ihn fördert, finanziert, zeitweise auch beherbergt; aber auch mit ihm hält er es nicht auf Dauer aus. So wenig wie mit Paul Gauguin, mit dem er in Südfrankreich seine Vision einer Künstlerkolonie verwirklichen will – die Egoismen auf beiden Seiten sind zu stark. Das Zerwürfnis endet mit Vincents abgeschnittenem Ohr und seiner Einweisung in eine Nervenklinik auf eigenen Wunsch. Später sucht er in Auvers im Norden von Paris Ruhe, malt wie besessen – bis zu jenem Schuss, der ihn im Juli 1890 aus dem Leben reißt.
Aufführungsinfo
Das Einpersonen-Musikdrama »Die Briefe des Vincent van Gogh« wird am Sonntag, 30. November, im Georgensaal der Freien Waldorfschule Reutlingen gezeigt. Eine weitere Aufführung ist am Mittwoch, 3. Dezember, in der Sudhaus-Peripherie. Beginn ist jeweils um 19 Uhr. (GEA)
Frid hat dem Darsteller ein Kammerorchester an die Seite gestellt – das war für die Kammeroper nicht umsetzbar, wie Victor erklärt. Eine Kammermusikfassung zu erstellen, wollten Frids Erben erst nicht zulassen, taten es schließlich doch. Nun begleitet ein Trio aus Klavier, Klarinette und Kontrabass den Protagonisten, der vom hohen Bariton Hans Porten verkörpert wird. Pianistin ist Nao Ueda, Klarinettist Thomas Löffler vom Ensemble Phorminx, Kontrabassist der ehemalige WPR-Musiker Dietmar Gräther. Erstellt hat die Fassung der Countertenor und Komponist Bagdasar Khachikyan, der auch schon selbst in der Reutlinger Kammeroper aufgetreten ist. Grundlage bot der Klavierauszug Frids, der durch ein Streich- und ein Blasinstrument weitere atmosphärische Farben bekommt.
Euphorie und Verzweiflung
Der Duktus des Protagonisten, berichtet Victor, ist dabei mal sanglich-melodiös, mal rezitativisch-deklamierend, mal gesprochen – so wie die Stimmung des Helden zwischen Euphorie, Verzweiflung und nüchterner Analyse schwankt. Die Musiker will Victor offen auf der Bühne platzieren, die als abstrakter Raum alle Schauplätze verkörpert. Kulissen im herkömmlichen Sinne soll es nicht geben, stattdessen Versatzstücke, die Situationen und Orte kennzeichnen. Denn am Ende spielt sich das Drama des Künstlers, der sein Potenzial entfaltet und darüber sein Leben verliert, vor allem im Kopf ab. In dem des Protagonisten – und jenem des Zuschauers. (GEA)

