REUTLINGEN. Bei der ersten »Reutlinger Buchpremiere« in diesem Jahr in der Stadtbibliothek hat der junge Autor Jean-Marc Lyet in ein fremdes Universum entführt. »Waldheim – Das fremde Universum« heißt auch der erste Band seines Fantasyepos, das mit Band zwei unter dem Titel »Waldheim – Zwischen den Welten« (beide im vergangenen Jahr im Legionarion-Verlag erschienen, 15 Euro pro Band) seinen Abschluss findet.
Lyet hat in Reutlingen Medien- und Kommunikationsinformatik studiert und wohnt mit seinem Mann und den gemeinsamen Kindern in der Achalmstadt. Hauptberuflich arbeitet er als ITler, doch folgte er während seines Auslandsstudiums in Istanbul einem Schreibimpuls – wobei aus einer anfänglichen Kurzgeschichte eine Novelle, aus einer Novelle sein Debütroman »Waldheim – Das fremde Universum« wurde.
Waldheim habe nichts mit der Stadt in Sachsen zu tun, stellte er klar. Es handle sich um eine rein fiktive fantastische Welt, in die der Student Mell gerate, nachdem er sich auf ein Techtelmechtel mit einem Fremden eingelassen hat. In diesem Paralleluniversum – eines von mehreren – ist er ausersehen, einen zum Krieg angewachsenen Streit unter Zwergen zu befrieden, indem er als Zeitreisender an den Punkt zurückgeht, als dieser Bruderzwist begann.
Dass die Uhren in Waldheim anders gehen, muss er in Band eins der Saga schmerzlich erfahren. Hat er doch, obwohl er nur zwei Stunden bei dem Fremden war, acht Erdenjahre verpasst. Das Zeitreisen, das ihm Waldheim als Möglichkeit eröffnet, bedeutet für ihn auch die Chance, sein vertrautes Umfeld und die Zeit, die er versäumt hat, zurückzubekommen. Vorher aber muss er sich als Held in Waldheim, das so heißt, weil es eine reine Wald-Welt ist, bewähren.
Band zwei, aus dem Lyet nach kurzer Einführung las, setzt da an, wo Mell, in seine vertraute Welt zurückgekehrt, keine Erinnerung mehr an Waldheim hat. Wir lernen seine beste Freundin kennen, die ebenso clever wie lebenshungrig ist, und einen mysteriösen Fremden, der an der Uni auftaucht und Mell auf einen finsteren Traum anspricht, den er immer wieder hat. Kann er dem vermeintlichen Studenten trauen, der behauptet, dass er, Mell, ein Paradoxon sei, »ein Existenzloser in den Weiten der Multiversen«? Mell hält ihn zunächst für übergeschnappt. »Aber irgendetwas regte sich in ihm.«
Seltsamer Vogel
Parallel zu diesem Handlungsstrang macht Lyet das Leben plastisch, das die von Mell vergessenen fantastischen Wesen im Paralleluniversum Waldheim führen. Wird er wiederkommen?, fragen sie sich. Er wird zweifellos vermisst. Auch liegt der Grund für seinen wiederkehrenden Traum, in dem Mell vor jemandem wegläuft und jemand stirbt, offensichtlich dort.
Die Babtash, ein Waffen exportierender Zwergenstamm, bedrohen ganze Zivilisationen. Mells Freunde in Waldheim sind erneut auf seine Hilfe angewiesen. Babarim, ein seltsamer Vogel, soll zudem helfen, die Geschehnisse zu entwirren.
Lyet deutete bei der Lesung an, dass das Ende kein allzu finsteres ist. Der Zweiteiler sei mit Band zwei abgeschlossen, ein kleines Hintertürchen habe er sich allerdings offengehalten, sollte ihm zu Waldheim doch noch ein weiteres Abenteuer einfallen. Was der 1986 in Frankreich geborene Autor in der Stadtbibliothek vortrug, war überaus atmosphärisch und spannend. Dazu trug auch die von Janosch Wolf beigesteuerte, live fabrizierte Klangkunst bei, die die Lesung zum Hörspiel erweiterte. Der franz.K-Tontechniker ließ die Waldgeister in Tönen lebendig werden. Das Ticken einer Uhr war ebenso eingebaut wie Wortfetzen aus Lyets Büchern. Das Publikum dankte mit Zwischenapplaus. (GEA)

