OSLO. Zuletzt schien es ja, als wolle der Winter wieder zurückkommen. Kälterekorde auf der Alb, Rodelfreuden mitten im April – Rebekka Bakken hat die passende Scheibe im Gepäck, wenn sie am 24. April ins franz.K kommt: »Winter Nights« heißt ihr jüngstes Album, herausgekommen im Pandemieherbst 2020. Nicht nur ein Winter-, sondern sogar ein richtiges Weihnachtsalbum, wie sie bestätigt.
Das habe sie schon immer mal machen wollen, sagt sie. Weihnachten sei ganz zentral für sie. Nicht (nur) als Fest mit Glöckchenläuten und Sternenfunkeln, sondern auch als Zeit der Nachdenklichkeit. Eines der Lieder auf dem Album handelt vom Tod ihres Vaters – auch Melancholie ist zu spüren in ihrer Musik. Aber eben auch viel Freude und Liebe.
Zurück nach Norwegen
Es soll aber kein verspäteter Weihnachtsabend werden im franz.K. Den größeren Teil des Programms werde sie mit Songs aus dem Vorgänger-Album »Things You Leave Behind« bestreiten, erzählt sie dem GEA im Telefongespräch. Ein Album, das im Gegensatz zu ihrer Weihnachtsplatte durchaus aufgewühlt klang. Kein Wunder, hatte es doch damals, um 2018 herum, tiefgreifende Änderungen in ihrem Leben gegeben. Sie hatte einen neuen Partner, sie war Mutter eines Sohnes geworden – und sie war nach Norwegen zurückgezogen, nach Jahren in New York und später in Schweden.
Es war eine produktive Phase für sie. »Ich brauche Umschwünge, brauche Veränderungen in meinem Leben«, betont sie. Danach kam die Covid-Pandemie – und plötzlich war alles anders. »Mit einem Schlag hatte ich nichts mehr zu tun – aber gerade das war in diesem Moment wundervoll!« Sie konnte ganz das Familienleben genießen, sich ihrem Sohn widmen.
Weniger Stress, weniger Leute – für sie fühlte sich das richtig an in diesem Moment. Als dann über die Sommermonate doch wieder einige Konzerte gingen und mehr Menschen zusammenkamen, sei es erst einmal seltsam gewesen. Aber sie habe sich auch darauf schnell wieder eingestellt.
Lust auf Konzerte
Und jetzt, nach dieser ruhigen, familienbezogenen Zeit, zieht es sie schon wieder mit Macht hinaus zum Touren, zu Liveauftritten: »Ich will auf die Bühne, will auftreten!« Auch auf das damit verbundene Herumreisen freut sie sich schon. Sorgen macht ihr nur eins: Ihr Sohn, inzwischen acht Jahre alt, kann wegen der Schule nun nicht mehr mit. »Bevor er in der Schule war, haben wir ihn auf die Tourneen und Konzerte immer mitgenommen.« Länger getrennt zu sein, das sei neu für ihren Sohn – und vor allem auch für sie selbst. »Das muss ich erst noch lernen«, bekennt sie. Aber es sei ein notwendiger Schritt, und lernen könne sie so etwas nur, indem sie es tue.
Friedensappell in Tönen
Inzwischen ist Krieg in der Ukraine, natürlich wühlt das auch Rebekka Bakken auf. Wobei sie etwas ratlos ist, wie sie damit als Songwriterin umgehen soll. »Es ist in jedem Moment irgendwo Krieg. Das liegt wohl in der Natur des Menschen.« Andersherum müsse wohl jeder Mensch den Frieden erst einmal in sich selbst finden.
In dieser Hinsicht mag Bakkens Musik für den einen oder anderen vielleicht ein Wegweiser sein. Ihr Album »Winter Days« kreist um das Thema des Friedens und wirkt insofern schon fast prophetisch. »Weihnachten hat für mich zutiefst mit Frieden zu tun«, sagt sie. Ein Friedensappell somit, noch bevor der Krieg überhaupt ausgebrochen war.
In den 1990er-Jahren lebte sie in New York, nun wieder in Norwegen – welches Land hat sie mehr beeinflusst? »Ganz klar New York!«, sagt sie. Die Stadt sei für sie ein richtiggehendes Reservoir gewesen an Eindrücken, Begegnungen, Auftrittsmöglichkeiten. All diese hochtalentierten Musiker an jeder Ecke, diese brodelnde Kulturszene, das atemberaubende Niveau: »Das war für mich ein regelrechtes Paradies von Anregungen!«
New York ist passé
Ob sie sich vorstellen kann, wieder dorthin zu ziehen? Nein, sagt sie, alles habe seine Zeit. New York habe sich verändert, viele Künstler seien weggezogen, weil es dort einfach zu teuer sei. »Es ist nicht mehr dasselbe wie damals.« Und auch die eigene Lebenssituation ändere sich. Als junge Künstlerin suche man das Abenteuer, wolle alles entdecken. Heute habe sie ihre Familie in Norwegen.
Hier lebt sie in Oslo, in der Hauptstadt, hat aber auch ein Domizil auf dem Land. Eigentlich sei sie immer eher die Stadtpflanze gewesen als das Naturkind, schmunzelt sie. »Obwohl wir damals, als ich in New York war, in Soho fast wie auf dem Dorf lebten.«
Entdeckung der Natur
Das Bekenntnis zur Großstadt erstaunt bei einer Sängerin, die sich mit ihrer klaren, sanft timbrierten Stimme oft anhört wie eine Kreuzung aus New Yorker Jazzpop und ätherischen Waldfee-Gesängen. Und doch: Lange Zeit sei die atemberaubende Naturlandschaft Norwegens für sie gar nicht interessant gewesen. »Ich fange erst jetzt an, das zu entdecken«, gibt sie zu: die Küsten, die Fjorde, die Berge … Ob das auch auf ihre Songs ausstrahle, müsse man sehen. Aber ja, sie glaube, dass das schon kommen werde – doch das brauche Zeit.
Jetzt zieht es Rebekka Bakken jedenfalls erst mal nicht in die endlosen Wälder Skandinaviens, sondern in den Trubel des Tourneelebens. Zwei neue Album-Projekte stehen an, zu denen sie noch nichts sagen darf, verbunden mit entsprechenden Auftrittsserien. »Live auf der Bühne zu stehen – das ist es einfach, woran mein Herz hängt!« (GEA)
Rebekka Bakken: 24. April, 20 Uhr, franz.K, Reutlingen

