TÜBINGEN. Diesen Knall würde man weithin hören, nicht nur bis ins Deutsche Literaturmuseum in Marbach am Neckar. In Tübingen ist ein Kampf um den Hölderlinturm entbrannt. Am Sonntag tritt ein wortgewandter Akteur einem fassungslosen Publikum gegenüber und empfiehlt die Sprengung des Turmes. Widerstand regt sich bereits während des Vortrags – telefonisch.
All das trägt sich zu im Foyer des Landestheaters. Dort stehen Stuhlreihen vor einer Leinwand, auf der eine Präsentation zu sehen ist; in der linken oberen Ecke das Logo der Universitätsstadt Tübingen. Auf tritt ein gewisser Jan Böhler, der mit seiner Agentur »kickstartculture« bereits das Brandenburger Tor zumauerte. Nun fühlt er sich zu Höherem berufen, überbringt Grüße der Tübinger Stadtverwaltung und mutmaßt, Boris Palmer sei seinem Vortrag nur deshalb fern geblieben, da der OB tags zuvor seinen 50. Geburtstag feierte.
Sanierung zu teuer?
Der Hölderlinturm, dies offenbart Jan Böhler, steht auf maroder Bausubstanz, sei ohnehin nicht authentisch. Eine Sanierung käme teuer, seine Sprengung billig – ein Neubau würde die Stadt fast nichts kosten, gebe es dafür doch Gelder von Bund und Land. Wieso also nicht?
Jan Böhler wird gespielt, schneidig, engagiert, begeisternd, mit dem ganzen Feuer eines wahren »Culturepreneurs«, von Justin Hibbeler aus dem Ensemble des LTT, der diesen Anschlag auf das Stadtbild Tübingens gemeinsam mit Magdalena Heffner und Dramaturgin Laura Guhl ausheckte. Hibbeler sieht dem typisch neoliberalen Überzeugungstäter so ähnlich, dass, wer jemals der Sitzung eines Gemeinderates beiwohnte, bei der ein externer »Experte« zu Wort kam, den Boden der Wirklichkeit unter seinen Füßen wanken fühlt.
Freilich erhält das Bild des Fachmanns bald diskrete Risse – denn welcher echte Planer würde es schon zugeben, dass er die Idee zu seinem Bauprojekt fasste, als er mindestens drei Biere intus hatte?
Sprengung als Medien-Event
Ganz langsam wird Böhlers Selbstsicherheit zum Größenwahn. Schon steht da ein Dr. Seltsam, über dessen Gesicht ein irres Grinsen kriecht, während er seine Pläne vorstellt: Die Sprengung des Turmes möchte er als Medienspektakel inszenieren, gefilmt, mit VIP-Stocherkähnen auf dem Neckar, mit Tribünen auf der Neckarinsel. Mit Dichtern, die vor dem Fall des Turmes in Hölderlins Zimmer dichten, mit Jens Harzer, der in einer Marathonlesung den gesamten »Hyperion« vorträgt. Anstelle des alten Turmes soll ein neuer entstehen, den der Referent bereits qua Photoshop ins Stadtbild eingefügt hat. Einer, der einem gewaltigen WLan-Lautsprecher ähnlich sieht.
Hibbeler gelingt es auf komische Weise, nicht nur die deutsche Bauwut, den geschäftstüchtigen Kulturfleiß auf die eiskalte Schippe zu nehmen, sondern auch den etablierten Kulturbetrieb und seine Präsentationsformen, Bürgerinitiativen und das provinzielle Geltungsbedürfnis. Was will man mehr? Die Tübinger Bürger sollen es entscheiden. 2025 steigt dann vielleicht Rauch auf in Tübingen. (GEA)

