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Aktuell Musiktheater

Ratten, Licht und Farben

Drei Aufzüge, drei unterschiedliche Regiekonzepte: Wagners »Walküre« an der Stuttgarter Staatsoper

Simone Schneider als Sieglinde und Michael König als Siegmund im ersten Aufzug der »Walküre«.  FOTO: SIGMUND
Simone Schneider als Sieglinde und Michael König als Siegmund im ersten Aufzug der »Walküre«. Foto: Pr Public Relations/Sigmund
Simone Schneider als Sieglinde und Michael König als Siegmund im ersten Aufzug der »Walküre«.
Foto: Pr Public Relations/Sigmund

STUTTGART. Die Wälsungen als Rattenpack zum Einstieg, betörende Lichteffekte im zweiten Aufzug und abstrakte Kunst in poppigen Farben im letzten: Die mit Spannung erwartete Premiere von Wagners »Walküre« in der Stuttgarter Staatsoper war – zumindest was die Ausstattung und die Konzeption anging – eines sicherlich nicht: langweilig.

Es war das erste Mal in der Werkgeschichte der »Walküre«, des zweiten Teils von Wagners Opern-Vierteiler »Der Ring des Nibelungen«, dass die drei Akte von jeweils einem anderen Regieteam übernommen wurden. Dabei liegt die Idee gar nicht so fern. Die drei Aufzüge erscheinen übersichtlich und in sich geschlossen. Nicht ohne Grund landet ja der erste Aufzug ausgekoppelt öfter im Konzertsaal.

Niederländisches Theaterkollektiv

Erwartungsgemäß blieben die Erscheinungsbilder der drei Regiehandschriften im Rahmen der jeweils besonderen Fertigkeiten. Das niederländische Theaterkollektiv »Hotel modern«, das vor allem mit kleinen Spielfiguren und Miniaturlandschaften arbeitet, entwickelte genau daraus seine Erzählung für den ersten Akt.

Während in der Mitte der Bühne Siegmund, Sieglinde und Hunding agieren, mit leider aus singtechnischen Gründen schnell wieder abgelegten Rattenmasken, wuseln drum herum Arbeitsbienen, die für die Filme sorgen, die nonstop an die Leinwand im Hintergrund gesendet werden: Bilder, die die Kamerafahrt entlang der Mini-Modelle kriegszerstörter Städte und Landschaften einfängt.

Inzest-Drama als Tierfabel

Schon während der nervös vorpreschenden Ouvertüre hetzt die eine Kamera einer knopfäugigen Wuschelratte hinterher, die andere einer ganzen Rattenhorde – alles präzise zur Musik. Das Psychodrama um das inzestuös verbundene Liebespaar Siegmund und Sieglinde wird hier verpackt in eine Tierfabel. Die Ratte als Bild für die »Ring«-Themen Macht, Verrat, Täuschung. Kann man so machen, ist zumindest originell und unterhaltend.

Der Lichtdesigner Urs Schönebaum, zuständig für den zweiten Akt, zeigte da weniger Mut, mit den Konventionen zu brechen. Die gähnende Leere, die zunächst auf der Bühne herrscht, wird durch eine eindrucksvolle Kulisse aus Licht und Kunstnebel gefüllt. Später ragen Säulen aus zusammengebundenen dünnen Stäben in die Höhe. Brünnhilde wird vom Sockel herunter singen, flankiert von Fackeln tragenden, gesichtslosen, finsteren Kriegern in Kapuzenmänteln.

Künstlerin wagt kein Risiko

Auch die bildende Künstlerin Ulla von Brandenburg wagte kein Risiko. Sie setzte auf langsam mutierende Farben und Formen. Zu Beginn erscheinen die acht Walküren vor einer tiefblauen Fläche, in der zunächst nur eine rote wellige Linie aufscheint, die sich im Laufe des Aktes aber immer weiter öffnet hin zu noch mehr welligen Formen und weiteren poppigen Farben: Aus der Vulva-Form entstehen Meeresfluten, die sich nach und nach in eine Hügellandschaft verwandeln.

Passend zum Bühnenbild stecken die Kriegerinnen in bunten Kleidchen, was recht harmlos wirkt angesichts ihres Jobs als auch ihres musikalisch so spektakulären, an diesem Abend mitreißend umgesetzten Auftritts. Und auch Wotan trägt ein farbig ausgefallenes Gewand. Hübsch.

Teils unfreiwillig komisch

Was alle drei Regieteams, in Sachen Oper offenbar unerfahren, vergessen hatten: dass neben dem Drumherum auch die Singenden inszeniert werden müssen. Personenführung respektive Rollenarbeit deshalb Fehlanzeige. Folge: Rampensingen, teils unfreiwillig komisch wirkende Bewegungsabläufe und Aktionen, kaum Körperkontakte, wenig Charaktergestaltung. Außer im Falle derer, die per se über eine besondere Darstellungsgabe verfügen: Allen voran die überragende Simone Schneider als Sieglinde, deren strahlender, in allen Lagen präziser, souverän sich übers Orchester hinwegsetzender Sopran jede noch so feine Emotion ausformte. Außerdem Mezzo Annika Schlicht, als Fricka stimmlich wie körpersprachlich plastisch gestaltend und damit im Streit mit Wotan nicht nur inhaltlich die zornige, strenge Überlegene.

Stimmgewaltige Wotanstochter

Auch die Sopranistin Okka von der Damerau überzeugte als rebellische, später resignierende Wotantochter Brünnhilde mit darstellerisch facettenreicher Ausdruckskraft und Stimmgewalt – trotz ein paar intonatorischen Entgleisungen. Der Tenor Michael König als Siegmund bewältigte seine Partie – körperlich so gut wie eingefroren – zwar technisch souverän und höhensicher, aber ihm fehlte an diesem Abend die emotionale Spreng- und Spannkraft. Weswegen sein Arien-Knüller »Winterstürme wichen dem Wonnemond« nicht wirklich zündete.

Dagegen war der Bariton Brian Mulligan als Wotan am Ende zwar hörbar ermüdet, überzeugte aber mehr durch seinen Gesang als durch seine Darstellung. Während Goran Juri c´ mit trompetender Tiefe und passend ironischen Farben Hunding Charakter verschaffte, allerdings intonatorisch des Öfteren daneben lag.

Solider Wagnerklang

Der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister sorgte an diesem Abend im Graben für einen soliden Wagnerklang: mit mächtigem Drive, in dem das wallend-wogende Auf und Ab und die vor Gefühlen fast berstende Harmonik im nötigen Zaum gehalten wurde. Im ersten Akt wirkte vieles noch zu kompakt und lautstärkemäßig zu früh am Anschlag. Die euphorischen Höhepunkte konnten so nicht strahlen.

Aber die Strukturen lichteten sich im Weiteren, der Klang wurde plastischer, und die Balance zwischen Orchester und Singenden war ohnehin meist in Ordnung. Am Ende gab’s vom Publikum für »Hotel modern« einige Buhs, insgesamt aber kam der Abend gut an. Die Grundidee der inszenatorischen Aufteilung ist eben gut. Sie bringt Leben in die »Walküre«-Rezeption. (GEA)