TÜBINGEN. Bevor Alina Petrova im roten Paillettenmini und Docs zur stromverstärkten Geige greift, löst sie am Laptop einen elektronisch perlenden Loop. Eric Breitenbach sitzt wie versteinert am Schlagzeug. Der Orkan bricht erst mit Marija Aljochina und Taso Pletner los, als sie in Samtkleid und kugelsicherer Weste überm Maxi-Hemd auf die Bühne rasen. Die Gesichter durch helle Wollmützen mit Augenschlitz verhüllt - das Markenzeichen von Pussy Riot. Unerwartet schnell reißen sich die Mitglieder des aus Moskau stammenden Künstlerkollektivs am Dienstag im Tübinger Sudhaus die Guerillamaskierung vom Kopf, recken die Fäuste, skandieren auf Russisch »Aufstand! Aufstand!«
Rezitierend, betend, singend, tobend - zu nervösem Repeat-Klackern vom Band und live entfachten Violine-zu-Drums-Gewittern erschüttern und begeistern die vier Künstler emotional wie intellektuell. Ihr künstlerischer Parforceritt lässt die gut 300 Zuschauer 75 Minuten später überwältigt zurück. Trotz Technikproblemen ein fulminanter Auftakt zur Europatour der Neuauflage ihrer »Riot Days«.
Basierend auf Aljochinas mittlerweile zwei Büchern über ihre Erlebnisse als Teil der feministischen Protestgruppe haben Produzent Alexander Cheparukhin und Regisseur Juri Muravitsky die politische und gesellschaftliche Repression in ihrer Heimat zum Happening verdichtet.
Vom Schritt an die Weltöffentlichkeit an wurden Pussy Riot in die Punk-Schublade gesteckt. Vielleicht war das bis 2012 genug: Sticheln, Hüpfen, Schrammeln, Blankziehen gegen einen als ungerecht und unehrlich wahrgenommenen Machtapparat. Doch nach dem Anti-Putin-»Punk-Gebet« der Aktivistinnen in einer Moskauer Kathedrale schlug das Regime zurück. Mit so unerbittlicher Härte, dass es selbst Menschen, die das 40-sekündige Aufbegehren vor fast leeren Kirchenbänken als Blasphemie empfanden, schockierte. Darunter Cheparukhin: Als Aljochina und Nadeshda Tolokonnikowa daraufhin ins Straflager mussten, sah der Festival-Impresario »erste Zeichen, dass es keine Freiheit mehr gibt«.
Die sieht heute alle Welt über eine Performance, die den gewaltfreien Protest mittels Fotografie, Film, Zeichnung, Mimik und Gestik übersetzt. Die mittlerweile von der russischen Justiz mehrfach verurteilte und aus dem Hausarrest nach Island geflohene Aljochina, ihre Stakkato-Sprechgesangspartnerin Pletner, die klassisch ausgebildete Violinistin und Sängerin Petrova sowie der brillante kanadische Neu-Rioter Breitenbach mischen maschinenhaftes Marschieren mit ungehemmtem Tanz, treibende Beats, sanfte Melodien - und Stille.
Auf den seit 2018 gezeigten »Riot Days«-Teil folgt nun ein »Work in Progress«: neue Erfahrungen von Verleumdung, Gewalt, Verfolgung und Krieg. Nicht nur das stahlhammermäßig im Wechsel hinausgebrüllte »Smotret'« - schau hin! - geht dabei durch Mark und Bein. Der Abend sprengt den Begriff jedes Punk-Konzerts. Da vereinen sich die Wucht von Jello Biafra, Stiff Little Fingers, Castorf und Ai, Linning und Shechter. Vor allem aber ist Pussy Riots Anliegen ein Existenzielles - nicht nur Nawalny gab dafür sein Leben.
So halten die heute in Berlin, Reykjavik und Vancouver lebenden Akteure das Publikum mit ihrem kreativen Widerstand fest im kathartischen Würgegriff. Zwischen Pathos und Tiefe, Lähmung und Explosion. Bis am Ende noch Hoffnung aufblitzt. (GEA)
Weitere Termine: 22.6. Dresden, 24.6. Hamburg, 5.7. Mannheim, 7.7. Luzern





